Buchvorstellung – n i g r a https://nigra.noblogs.org anarchistisch / optimistisch / dunkelschwarz Sun, 07 May 2023 06:49:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://nigra.noblogs.org/files/2017/08/cropped-still-loving-linksunten-32x32.png Buchvorstellung – n i g r a https://nigra.noblogs.org 32 32 Bücher lesen: Die Klimakrise und der Global Green New Deal https://nigra.noblogs.org/post/2023/05/07/buecher-lesen-die-klimakrise-und-der-global-green-new-deal/ Sun, 07 May 2023 06:49:21 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3539 Weiterlesen ]]> Noam Chomsky, Robert Pollin und C.J. Polychroniou gehen in dem 2021 beim Unrast Verlag erschienenen Buch Die Klimakrise und der Global Green New Deal der Frage nach, wie die Klimakatastrophe anhand eines weltweiten Umbaus der Energiewirtschaft aufgehalten werden kann.

Das 145 Seiten umfassende Buch ist ein Interview, in dem der Politikwissenschaftler und Volkswirt Polychroniou dem Anarchisten Chomsky und dem Wirtschaftswissenschaftler und Sozialisten Pollin Fragen zum Thema Klimakrise und zu Pollins Vorschlag zu einem Global Green New Deal stellt.

Pollin stellt seinen Vorschlag gründlich und gut verständlich dar. Dieser Vorschlag ist weder radikal noch antikapitalistisch sondern nüchtern und pragmatisch immer unter der Prämisse, dass wir nur noch wenig Zeit haben, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Weder fordert er eine sofortige Abkehr vom Kapitalismus noch die soziale Weltrevolution in den nächsten zehn Jahren. Ich halte das für zielführend und die globale Lage für realistisch einschätzend: Wir werden in der uns verbleibenden Zeit weder den Kapitalismus überwinden noch die Weltrevolution erleben. Darum müssen wir, wenn wir wollen, dass die Menschheit überlebt und eines Tages in freien Gesellschaften leben kann, pragmatisch handeln. Und das auf globaler Ebene so schnell wie möglich. Das ist schon schwer genug.
Chomskys Beiträge beschränken sich eher auf unterstützende Ergänzungen, die aber immer wieder Pollins Ausführungen ins Gesamtbild einordnen. Natürlich kommen die seit Jahrzehnten von ihm bekannten, aber deswegen nicht falschen Kritikpunkte an der Innen- und Außenpolitik der USA zum Tragen.

Pollin zeigt, dass es rein monetär betrachtet einen lächerlich geringen Betrag der jährlichen globalen Geldmengen braucht, um die Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien umzustellen. Und hier liegt auch ein Hauptaugenmerk des Deals: Die Weltwirtschaft muss ihre benzinbetriebenen Verbrennungsmotoren, ihre kohleverbrennenden Kraftwerke und ihre gasbetriebenen Heizungen auf eine Energiegewinnung umstellen, die zu hundert Prozent auf Wind-, Sonnen- und Wasserkraft basiert. Das liest sich erstmal nüchtern und könnte so auch auf einem x-beliebigen Parteitag irgendeiner halbwegs grünen oder sozialdemokratischen Partei vorgetragen werden, zumal das alles letztenendes Forderungen an Regierungen sind, entsprechende Gesetze zu schaffen. Aber zum Glück bleibt Pollin, sekundiert von Chomsky, nicht dabei stehen: Beide sehen, dass „Klimaschutz“ allein nicht genug ist und dass Klimagerechtigkeit ein maßgeblicher Bestandteil aller Bestrebungen sein muss, die Klimakatastrophe aufzuhalten. Desweiteren sehen sie in den Folgen dieses globalen Umbaus eine Chance für die Weiterentwicklung der Gesellschaft hin zu einer freieren, dezentraleren, gerechteren, ökologischeren Weltgesellschaft. Ich kann ihnen da nur beipflichten und kam in meinem Text System Change, not Climate Change? Die befreite Gesellschaft und die kommende Klimakatastrophe in Teilen zu ähnlichen Gedanken.

Der Kampf muss – und kann – an allen Fronten geführt werden.
Noam Chomsky

Im ersten Kapitel gehen Chomsky und Pollin auf das Wesen und die Auswirkungen der Klimakatastrophe ein und machen deutlich, dass sie die größte Bedrohung für die Existenz der Menschheit seit der atomaren Aufrüstung ist.

Im zweiten Kapitel zeigen sie deutlich auf, dass der Kapitalismus im Gewand des Neoliberalismus gepaart mit irrationalen Entscheidungen der Herrschenden die Ursache für die Misere ist. Hier wird der us-amerikanischen Schwurbler*innen-Partei die Republikaner eine besondere Bedeutung beigemessen.

Das dritte Kapitel skizziert dann den Global Green New Deal Pollins und jongliert mit gut belegten Zahlen zu Emissionswerten, Geldmengen etc. Hier wird deutlich, dass das Ganze Hand und Fuß hat und mit politischem Willen umsetzbar wäre. Es wird auch auf die Ideen der Degrowth-Bewegung eingegangen und solidarische Kritik an ihr geübt.

Wie es geschafft werden kann, Menschen für die Rettung des Planeten zu gewinnen, wird im vierten Kapitel behandelt. Leider ist dieser Teil, der meiner Meinung nach der wichtigste ist, auch der kürzeste und bleibt eher allgemein. Dennoch endet das Buch mit positiven Beispielen von sowohl graswurzlerischen Bewegungen wie auch staatlichen Maßnahmen.

Mir gefällt an diesem Buch, dass Pollin und Chomsky alle Menschen mitnehmen wollen und sehr darauf bedacht sind, dass der Umbau hin zu einer Null-Emissions-Wirtschaftsweise immer unter dem Gesichtspunkt der Klimagerechtigkeit und der Gerechtigkeit allgemein geschehen muss: Er erkennt die Lebensrealitäten der Menschen an, die in den allermeisten Fällen von Lohnarbeit, Prekariat und Armut geprägt sind. Besonders in den Ländern, die am wenigsten zur Klimakatastrophe beitragen aber schon jetzt am meisten unter ihr leiden. Bei aller Nüchternheit des Textes enthält er dennoch eine gute Prise Utopie – Ausblicke auf eine gute Zukunft für alle – und das macht mir Mut. Und Mut brauchen wir alle, mich verlässt er immer wieder seit den Coronajahren und der immer greifbarer werdenden Klimakatastrophe und dann bin ich froh, so ein Buch zu lesen.

Der Green New Deal ist meiner Ansicht nach der einzige Ansatz zur Klimastabilisierung , der auch in der Lage ist, den anstieg der Ungleichheit umzukehren und damit den globalen Neoliberalismus und den aufsteigenden Neofaschismus zu bezwingen.
Robert Pollin

C.J. Polychroniou (Hrsg.), Noam Chomsky und Robert Pollin

Die Klimakrise und der Global Green New Deal

145 Seiten

ISBN: 978-3-89771-298-0

14,00 €

Unrast Verlag
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Bücher lesen: Veganarchismus – Thesen zum Verhältnis zwischen Veganismus und Anarchismus https://nigra.noblogs.org/post/2023/04/19/buecher-lesen-veganarchismus-thesen-zum-verhaeltnis-zwischen-veganismus-und-anarchismus/ Wed, 19 Apr 2023 09:27:22 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3498 Weiterlesen ]]> Ganz neu erschienen ist im Verlag Graswurzelrevolution der Essay „Veganarchismus – Thesen zum Verhältnis zwischen Veganismus und Anarchismus“ von Neo C. Auf 75 Seiten setzt sich Neo mit Anarchismus und Veganismus auseinander, zeigt ihre Überschneidungen und plädiert dafür, sich explizit an Anarchist*innen richtend, im Anarchismus, Tiere bzw. Tierbefreiung immer mitzudenken.

Schon 2010 erschien im Verlag Graswurzelrevolution der Sammelband „Das Schlachten beenden!“ und zeigte anhand historischer Texte von z. B. Leo Tolstoi oder Elisée Reclus, dass Anarchismus und Tierbefreiung schon sehr früh von einigen Menschen zusammengedacht wurden. Auch andere Bücher und Texte setzten sich hin und wieder mit beiden Themen auseinander, wurden aber nie so deutlich und auffordernd wie „Veganarchismus“.

Ich hatte in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren das Glück, dass ich durch Punk (Crass und Conflict sind hier besonders hervorzuheben), die radikale Umweltbewegung und mein persönliches Umfeld über beide Themen so ziemlich gleichzeitig gestolpert bin und irgendwie konnte ich mir das eine nie ohne das andere vorstellen. Zu naheliegend waren für mich die Parallelen und Herrschaftskritik schloss für mich immer auch die Kritik am Speziesismus mit ein.

Nach einem Vorwort, in dem Neo über Klasse und Haupt- und Nebenwidersprüche schreibt, geht der*die Autor*in erstmal grundsätzlich auf den Begriff des Veganismus ein, ordnet ihn historisch ein und zeigt seine verschiedenen Erscheinungsformen auf. Wie kommt Veganismus in der Tierbewegung (damit ist die Gesamtheit von Tierschützer*innen, Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen gemeint) vor und wie verhalten sich seine Spielarten zu denen der Tierbewegung.

In den folgenden vier Thesen zeigt Neo, dass der heutige Anarchismus im Angesicht seiner historischen, immer noch gültigen Grundprinzipien Herrschafts- und Hierarchielosigkeit, Dezentralität, Freiwilligkeit, Dynamik und Solidarität, der Verwobenheit der Unterdrückungs- und Diskriminierungsmechanismen im Kapitalismus, des Zusammenhangs zwischen der systematischen, normalisierten Gewalt gegen Tiere (Karnismus) und zwischenmenschlicher Gewalt und der Erkenntnis, dass in der Postmoderne mit ihren permanenten (ökologischen) Krisen Anarchismus nicht mehr anthropozentristisch sein kann und darf, mindestens den Veganismus und am besten die Tierbefreiung beinhalten muss.

Zum Schluss geht Neo auf drei hypothetische Argumente von Seiten der Anarchist*innen ein, die mir so oder sehr ähnlich auch schon vorgetragen wurden. Neo setzt sich mit dem Vorwurf der Bevormundung auseinander: Wie ist die Forderung nach einer veganen Lebensweise mit radikaler Freiheit, die der Anarchismus angeblich verspricht, vereinbar? Ist Veganismus ein Luxus-Lifestyle von weißen Mittelstandskiddies, also exklusiv und klassistisch? Und zuguterletzt beantwortet Neo die Frage, ob Veganismus nicht bloße verkürzte Kapitalismuskritik sei à la „Wenn wir nur alle das Richtige kaufen, wird alles gut“. Neo geht empathisch und sachlich auf diese Fragen ein und bringt nachvollziehbare und unaufgeregte Antworten.

Im Fazit fordert der*die Autor*in kritische Leser*innen (also Anarchist*innen, die nach dem Lesen dieses Essays immer noch stur bleiben „Zwinkersmiley“ ) auf, sich mit ihren Einwänden per Email zu melden. Es wäre cool, wenn diese Korrespondenz – so es sie denn geben wird – irgendwie zugänglich gemacht werden würde.

Alles in allem ein sehr lesbarer Band, der Lust macht auf mehr Texte von Neo C. zur Synthese von Anarchismus und Veganismus und Tierbefreiung.

Neo C.

Veganarchismus
Thesen zum Verhältnis zwischen Veganismus und Anarchismus

79 Seiten

ISBN 978-3-939045-48-9

10,90 Euro

Reihe »Auf den Punkt«

[Meine bisherigen Texte mit dem Tag Vegan/Tierrechte/Tierbefreiung findet ihr hier.]

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PUNK AS F*CK: Die Szene aus FLINTA-Perspektive am 11.01.2023 im R12 https://nigra.noblogs.org/post/2022/12/24/punk-as-fck-die-szene-aus-flinta-perspektive-am-11-01-2023-im-r12/ Sat, 24 Dec 2022 11:21:00 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3358 Weiterlesen ]]> [Endlich mal wieder eine Veranstaltung von alarm]

Lesung und Diskussion zum Buch „PUNK AS F*CK“

Das Akronym FLINTA steht für „Frauen, Lesben, Intersexuelle-, Nicht-Binäre-, Transgender- und Agender-Personen“. Der Begriff dient der Sichtbar-machung von Geschlechtsidentitäten und eint somit alle Menschen, die von patriarchalen Strukturen betroffen sind – auch und gerade in der Punkszene. Das Buch will Menschen eine Plattform geben, die es leid sind, in ihrem subkulturellen Umfeld bloß gesehen, aber nicht gehört zu werden. 50 Autor*-innen berichten in diesem Sammelband davon, was sie als FLINTA in der Szene erlebten bzw. erleben mussten. Gleichzeitig gehen sie darauf ein, was ihnen Punk bedeutet und warum es sich aus ihrer Sicht für diese Subkultur zu kämpfen lohnt.

Zwei Autor*innen stellen das Buch und ihre Ge-schichte als FLINTA in der Punkszene vor.

Sévérine Kpoti ist freie Fotografin, Konzertveran-stalterin, Kulturaktivistin, Vorstandsvorsitzende des »Slow Club Freiburg« sowie Teil der »Erogenen Zone«, einem queerfeministischen Sexshop-Kollektiv. Ihre Geschichte heißt: „Alien She“. Die Initiatorin der RebElles-Ausstellung schreibt über toxische Endlos-schleifen und wie wir sie durchbrechen können.

Bianca Kollinger lebt in Mannheim, ist Inhaber*in eines veganen Unverpacktladens und Macher*in vom Zine »Okapi Riot«. Bianca beschäftigt sich mit Antisexismus und Awareness in der Punkszene. Biancas Geschichte heißt „Smells Like Zine Spirit“. Warum wir uns nicht davon abhalten lassen sollten, etwas Neues auszuprobieren

Mittwoch, 11.01.2023, 20 Uhr
Linkes Zentrum R12, Rammersweierstraße 12, Offenburg

Eintritt mit tagesaktuellem, negativem Corona-Test
Gerne mit FFP2-Maske: Wir stehen auf Vermummung

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Bücher lesen: This Is Not An Atlas – A Gobal Collection Of Counter-Cartographies https://nigra.noblogs.org/post/2019/02/11/buecher-lesen-this-is-not-an-atlas-a-gobal-collection-of-counter-cartographies/ Mon, 11 Feb 2019 12:22:47 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2426 Weiterlesen ]]> [Diese Buchbesprechung von mir ist auch in der aktuellen Ausgabe der Gai Dao abgedruckt.]

Unter dem Motto „The Three Cs: Critical, Counter and Cartography“ (deutsch: Die drei Cs: kritisch, gegen und Kartografie) ist im September 2018 das mächtige Buch „This Is Not an Atlas“ im Transcript Verlag erschienen. Auf 346 Seiten zeigen uns das kollektiv orangotango+ als Herausgeberin und 41 Autor*innen bzw. Gruppen aus der ganzen Welt was Gegen-Kartografie ist und wie sie zu politischem Handeln von Unten beitragen kann.

Das Buch ist komplett auf Englisch geschrieben. Das ist sicher seinem transnationalen Charakter geschuldet, macht es aber erheblich anstrengender, die Texte zu verstehen, auch wenn mensch wie ich einigermaßen Englisch kann. Das Gute ist aber, dass das Buch nicht nur durch seine Texte zu uns spricht, sondern in erheblichem Maß auch durch seine Grafiken und Fotos. Und die sind so verschieden, bunt und aussagekräftig wie die Artikel der Autor*innen und Gruppen, die buchstäblich aus der ganzen Welt kommen.

Kartografie kennen wir alle aus der Schule: Ihr Endprodukt ist z.B. der kiloschwere Schulatlas, den ich jahrelang zum Erdkundeunterricht mitschleppen musste, oder die riesigen aufgerollten Karten, die umständlich am dazugehörigen Ständer befestigt werden mussten. Heutzutage haben viele täglichen Umgang mit Routenplanern und Onlinekarten.
Karten, Atlanten und Globen scheinen einen neutralen, realistischen Blick auf die Geografien unserer Städte und der Erde zu geben, verschweigen aber dem*der unbedarften Betrachter*in z.B. ihre verzerrenden Größendarstellungen und ihren eurozentristischen Charakter. Historisch und politisch war und ist das Kartografieren von Land immer auch ein Herrschaftsinstrument. Es werden Grenzen festgelegt, Besitz aufgezeigt und Macht gefestigt.

Der Nichtatlas will diesen Blick aufbrechen, indem er mit wunderschönen, verstörenden, wimmelnden, auf den Kopf gestellten, traurigen, Mut machenden und inspirierenden Karten, Grafiken, Fotos und den dazugehörenden Geschichten zeigt, dass auf der ganzen Welt Menschen mit ihren eigenen Mitteln ihre eigenen Karten anfertigen für ihre eigenen Zwecke: Zur Verhinderung von Räumungen, zur Visualisierung von sicheren Fluchtwegen, zur Unterstützung der Verteidigung der Commons, zum Schutz indigener Communities und der Regenwälder, zum Aufzeigen von sexueller Belästigung oder Obdachlosigkeit u.v.m.

Hier zwei Beispiele:

Im Kapitel „Counter-Cartographies as a Tool for Action“ (Gegen-Kartografie als ein Werkzeug für Aktionen) nimmt uns der Artikel „A View from Above – Balloon Mapping Bourj Al Shamali“ (Eine Sicht von oben – Bourj Al Shamali mit dem Ballon kartografieren) mit in das libanesische Flüchtlingslager Burj al-Shemali. Hier leben palästinensische Geflüchtete teilweise in der dritten Generation auf engstem Raum ohne funktionierende Infrastruktur in großer Armut. Lokale Gruppen wollten ein Projekt für städtische Landwirtschaft und Grünflächen starten und mögliche freie Plätze sowie Wasserquellen dafür finden, mussten aber bald lernen, dass es keine verlässliche Karten von Burj al-Shemali gab. Auch online verfügbare Luftaufnahmen waren nicht hochauflösend genug. Schließlich entschieden sich die Leute dafür, eigene Luftaufnahmen mittels einfachster Technik zu machen: Mit einem selbstgebauten Ballon, an dem eine Digitalkamera angebracht war. Es war nicht leicht, die Bewohner*innen von Burj al-Shemali auf ihre Seite zu ziehen: Flüchtlingslager zu kartografieren wird mit militärischer Überwachung und Kontrolle assoziiert. Aber ein knallroter Ballon, dessen Leine direkt zu seinen Pilot*innen führt, war eher unverdächtig, lud zudem zu Diskussionen über die Macht der Kartografie ein und ermöglichte durch die Einfachheit seiner Technik vielen – gerade jungen – Menschen die Teilhabe an dem Projekt. Sie konnten sich direkt in die Verbesserung ihrer Lebensumstände einbringen.

Im Kapitel „Counter-Cartographies Tie Networks“ (Gegen-Kartografien knüpfen Netzwerke) beschreibt der Text „X-Ray of Soy Agribusiness in the Pampa and Mega-Mining in the Andes“ (Durchleuchten der Soja-Agrarindustrie in der Pampa und der Mega-Bergbauindustrie in den Anden) des Aktivist*innen-Duos Julia und Pablo ihre Arbeit in Workshops mit Menschen in Argentinien. So erstellten sie gemeinsam z.B. eine Karte – Otra Pampa es posibile!!! (Eine andere Pampa ist möglich!!!) – , die aufzeigt, was die umweltzerstörende, monopolistische Agrarindustrie in der Pampa anrichtet. Eine andere Karte entstand in Zusammenarbeit mit den Menschen in den Distrikten nahe der Anden und zeigt, wie die Übertage-Riesenminen von chinesischen und kanadischen Konzernen die Ökosysteme zerstören und die Gesundheit der dort lebenden Menschen angreifen. Die Autor*innen schreiben „Maps have to be part of a bigger process, one of many strategies, a means to foster thinking, to socialize knowledge and practices, to boost collective participation, to work with strangers, to swap experiences, to challenge hegemonic spaces, to promote creation and imagination, to probe specific issues, to visualize resistances and to point out power relationships…“ („Karten müssen Teil eines größeren Prozesses sein, einer von vielen Strategien, ein Mittel um das Nachdenken zu fördern, um Wissen und Praktiken zu teilen, um kollektive Teilhabe zu fördern, um mit Fremden zu arbeiten, um Erfahrungen auszutauschen, um hegemoniale Räume herauszufordern, um Bildung und Vorstellungskraft zu fördern, um spezielle Themen zu erforschen, um Widerstand zu visualisieren und um Verflechtungen von Macht aufzuzeigen…“).

Wer sich nun selbst als Kartograf*in auf den Weg machen will, bekommt im Kapitel „How to Become an Occasional Cartographer“ (Wie ich ein*e gelegentliche*r Kartograf*in werde) diverse Anleitungen.

Das Buch ist ein gelungenes Sammelsurium von widerständigen Praxen direkter Aktion aus der ganzen Welt, es inspiriert, macht Mut und lässt (zumindest mich) Karten in Zukunft ganz anders betrachten.

Und zum guten Schluss: Ihr könnt dieses echt coole Buch als PDF in hoher Qualität herunterladen (s. Infokasten): Der Verlag und das Herausgeber*innenkollektiv haben es unter dem Label Open Access und der Lizenz Creative Commons Attribution 4.0 (BY) veröffentlicht.
Als Papierbuch kostet es 34,99 €.

Infos, Download und Verlag
notanatlas.org
transcript-verlag.de/978-3-8376-4519-4/this-is-not-an-atlas/
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Multimediavortrag mit Bernd Langer „Die Flamme der Revolution: Deutschland 1918/19“ https://nigra.noblogs.org/post/2019/02/06/multimediavortrag-mit-bernd-langer-die-flamme-der-revolution-deutschland-1918-19/ Wed, 06 Feb 2019 11:43:15 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2420 Weiterlesen ]]> [alarm Offenburg hat mal wieder den rührigen Antifaschisten, Künstler und Autor Bernd Langer ins R12 eingeladen. Dazu gibt es lecker vegane Vokü! Das wird ein runder Abend.]

[die obige Grafik ist dem Comic Der Matrosenaufstand 1918 in Kiel von Bernd Langer entnommen.]

Die Flamme der Revolution: Deutschland 1918/19

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 radikalisieren sich die sozialen Verhältnisse. Weil die SPD den Kriegskurs des Kaiserreiches mitträgt, spaltet sich die Partei und es entsteht die Unabhängige Sozialdemokratie. Auftrieb erhält die Antikriegsstimmung durch die Revolution in Russland 1917. Doch erst mit der militärischen Niederlage bricht das Kaiserreich 1918 zusammen, und ein Matrosenaufstand in Kiel wird zum Auslöser der Novemberrevolution.

Der zunächst friedliche Verlauf ist bald von blutigen Konfrontationen überschattet. Während die radikalen Kräfte die Sozialisierung der Industrie und die Räte-Republik wollen, verteidigen die SPD und andere bürgerliche Parteien die kapitalistischen Besitzverhältnisse mit Hilfe der Freikorps. Im Jahr 1919 entwickelt sich im Deutschen Reich ein Bürgerkrieg, der nicht als solcher in den Geschichtsbüchern verzeichnet ist.

Jene Tage führen zu einer grundlegenden politischen Weichstellung. Denn die weltweite Spaltung in Kommunistische Parteien mit revolutionärem Anspruch einerseits und eine reformistische Sozialdemokratie andererseits sowie die verhängnisvolle Entwicklung am Vorabend des Faschismus sind ohne diese Ereignisse nicht zu begreifen.

Der Autor und Antifaschist Bernd Langer stellt in einem Multimedia-vortrag sein neues Buch „Die Flamme der Revolution: Deutschland 1918/19“ vor.

Vegane VoKü ab 18 Uhr 30 – Beginn des Vortrags 19 Uhr 30

Dienstag, 12.02.2019 im Linken Zentrum R12

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Bücher lesen: Angela Merkel ist Hitlers Tochter https://nigra.noblogs.org/post/2018/12/23/buecher-lesen-angela-merkel-ist-hitlers-tochter/ Sun, 23 Dec 2018 10:22:25 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2382 Weiterlesen ]]> Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben und diese dann sogar missionarisch in ihrem Umfeld predigen, nerven ungemein. Das kann dazu führen, dass Freundschaften zerbrechen, Familien auseinandergehen und politische Gruppen sich auflösen. Ich selbst hatte so einen Fall in einer meiner politischen Gruppen. Der Prozess der Trennung, die vorangehenden Diksussionen mit dem an sich sehr intelligenten und lieben Menschen waren kräftezehrend, erschütternd und desillusionierend.

Seither beschäftigen mich Verschwörungstheorien intensiver, als in den Jahren davor: Ich sah sie eher als popkulturelles Phänomen, das in Filmen und Romanen Stoff für kurzweilige Unterhaltung bot. In den späten 1990er Jahren war der Film „23“ und somit die Illuminaten in meinem Umfeld beliebt, auch ich mochte ihn und spielte mit der Zahl 23. Haha, sie war ja wirklich in allen möglichen und unmöglichen Formen überall zu finden. Das war witzig besonders mit THC in Blut und Kopf. Ich traf in dieser Zeit nur eine Person, die die Weltherrschaft der Illuminaten wirklich für real hielt. Es war ein angetrunkenes und bekifftes Partygespräch und mit wenigen Sätzen konnte ich den mir sehr lieben Menschen wieder in die Realität und von den Illuminaten zurück holen (ich musste nicht gegen schier unzerstörbare, virtuelle „Echokammern“ anreden…): Die für alle offen einsehbare Machtstruktur des Kapitalismus und seine Eigendynamik waren dann doch glaubhafter und wahrscheinlicher…

Heute scheinen große Teile des Internets von den Anhänger*innen der absurdesten Verschwörungstheorien besetzt zu sein: Es gibt massig Seiten, Facebookgruppen, Blogs und Podcasts, die sich mit Reptiloiden, Chemtrails, der jüdischen Weltverschwörung und zig anderen haarsträubenden Wahnideen beschäftigen, sich gegenseitig bestärken und als Quellen nutzen.

Das Buch „Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien“ von Christian Alt und Christian Schiffer versucht zu erklären, wo diese Verschwörungstheorien herkommen, warum wir alle für den Glauben an sie anfällig sind und was wir gegen sie unternehmen können.

Es nimmt uns mit in den „Kaninchenbau“, wie die Autoren die Hardcoreszene der Verschwörungsfreaks nennen – eine Anspielung auf Alice im Wunderland: Dort ist der Kaninchenbau der Zugang zum Wunderland, in dem alles möglich scheint. Die Autoren bezeichnen sich selbst als „Nerds“ und versuchen dies mit einem flapsigen Schreibstil zu unterstreichen. Das nervt eher, als dass es hilft und mir fiel es deshalb oft schwer, das Buch ernst zu nehmen.
Nichtsdestotrotz enthält das Buch viele erhellende Momente, fasst die beliebtesten Verschwörungstheorien zusammen, gibt uns Einsichten in die Denkstrukturen der Szene und zeigt uns Menschen, die tief in ihr drinsteckten und wieder rauskamen.

Besonders spannend fand ich die Kapitel 9 „Die Psychologie von Verschwörungstheorien“ und 10 „Die Kunst des verzerrten Denkens – noch mehr Bias„. In ihnen wird versucht zu erklären, warum wir anfällig für den Glauben an Verschwörungstheorien sind. Wir lernen, was „Ockhams Rasiermesser“ ist und wie die Psychologie in Experimenten versucht, die Wirkungsweise von Verschwörungstheorien zu verstehen. Diese Kapitel (wie eigentlich das ganze Buch) tragen dazu bei, dass ich in Verschwörungstheorie-Anhänger*innen auch immer die Menschen sehe, die sie sind und die ihre Selbstwirksamkeit verloren haben. Fehlende Selbstwirksamkeit – also die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können (1) – scheint einer der Hauptgründe dafür zu sein, dass Menschen anfällig für völlig abwegige Erklärungsversuche für Ereignisse und bestehende Systeme werden. Das tragische ist, dass in einer immer komplexer werdenden Welt und in einer mehr und mehr duchkapitalisierten Gesellschaft unsere Selbstwirksamkeit tatsächlich abnimmt. Das sprechen die Autoren leider nur kurz in Kapitel 14 „Lasst uns eine Wissenspyramide bauen“ an. Hier schreiben sie, dass unsere Gesellschaft leider nicht gerade so verfasst ist, dass Menschen an ihrer Gestaltung mitwirken können, forden aber nur – parlamentarische Demokraten, die sie halt sind – dass uns die Politik hier Rechenschaft schuldig sei (siehe Seite 271) und sie in der Pflicht stehe, uns zu erklären, dass die Welt komplizierter geworden sei. Selbstwirksamkeit spüren Menschen, die über ihre Belange selbst mitbestimmen können, die sich in selbstverwalteten, fortschrittlichen und emanzipatorischen Strukturen einbringen und sich mit anderen Menschen in Projekten organisieren, die solidarisches Handeln fördern. Das können wir im Hier und Jetzt autonom und selbstorganisiert tun und andere dabei unterstützen, diese Erfahrung zu machen.

Alles in Allem ist das Buch interessant, unterhaltsam und gibt einem durchaus hilfreiche Argumente gegen Verschwörungstheorien an die Hand. Gut gefällt mir auch, dass es die Verquickung der Verschwörungstheorie-Szene mit der rechten und faschistischen Bewegung aufzeigt, auch wenn das meiner Meinung nach noch deutlicher hätte sein können.

„Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien“
Von Christian Alt und Christian Schiffer
Hanser Verlag
ISBN: 9783446260283
Papier: 18 €
E-Book: 13,99 €


(1) https://www.psychomeda.de/lexikon/selbstwirksamkeit.html

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Vortrag und Diskussion: DISRUPT! Abwehr des smarten Angriffs auf unsere Sozialität, Kreativität, Autonomie – auf unser Leben https://nigra.noblogs.org/post/2018/02/14/vortrag-und-diskussion-disrupt-abwehr-des-smarten-angriffs-auf-unsere-sozialita%cc%88t-kreativita%cc%88t-autonomie-auf-unser-leben/ Wed, 14 Feb 2018 09:39:07 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2186 Weiterlesen ]]> [Im Rahmen einer Vortragsrundreise des Anarchistischen Netzwerks Südwest* organisiert die Anarchistische Initiative Ortenau diese Veranstaltung. Ich hab sie schon auf den Anarchietagen in Winterthur gesehen und war begeistert. Alle dahin und dann mit den Smartphones ein Freudenfeuer entzünden!]

DISRUPT! Abwehr des smarten Angriffs auf unsere Sozialität, Kreativität, Autonomie – auf unser Leben

Vortrag und Diskussion
am Freitag, 16.02.2018 um 20 Uhr im r12

DISRUPT! beschreibt die Versuche, das menschliche Dasein den Anforderungen einer reduktionistischen künstlichen Intelligenz zu unterwerfen. Der Anpassungsdruck des Menschen an die Maschine wirkt bereits jetzt – weit vor einer vollständigen Vernetzung aller mit allem. Das redaktionskollektiv çapulcu dechiffriert diese – oft unhinterfragte – Entwicklung als Angriff auf unsere Autonomie und analysiert seine entsolidarisierende Wirkung. Denn Technologie ist nie neutral, sondern immanent politisch.

Mit Macht vorangetriebene technologische Schübe sind schwer und selten umkehrbar, sobald sie gesellschaftlich erst einmal durchgesetzt sind und der darüber geprägte ›Zeitgeist‹ selbstverstärkend für die notwendige Stabilisierung gesorgt hat. Warten wir, bis sämtliche Erscheinungsformen und Konsequenzen dieses Angriffs auf unsere Sozialität (all-)gegenwärtig geworden sind, haben wir verloren. Es bliebe uns dann nur noch eine Analyse der vermeintlichen ›Entwicklung‹ in Retrospektive.

Ein Gegenangriff auf die Praxis und die Ideologie der totalen Erfassung erscheint deshalb zwingend notwendig. Die Autor*innen plädieren für die Wiederbelebung einer praktischen Technologiekritik zwischen Verweigerung und widerständiger Aneignung spezifscher Techniken.

Das çapulcu redaktionskollektiv ist eine Gruppe von technologiekritischen Aktivist*innen und Hacktivist*innen.

Literatur:
çapulcu redaktionskollektiv
DISRUPT!
Widerstand gegen den technologischen Angriff ISBN 978-3-89771-240-9,
Unrast Verlag 2017, 160 Seiten, € 12,80

Vorher:

19.00 Uhr Vokü der K-Gruppe

Eine Veranstaltungsreihe des Anarchistischen Netzwerks Südwest*

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bücher lesen: die große entwertung – warum spekulation und staatsverschuldung nicht die ursache der krise ist https://nigra.noblogs.org/post/2014/11/26/buecher-lesen-die-grosse-entwertung-warum-spekulation-und-staatsverschuldung-nicht-die-ursache-der-krise-ist/ Wed, 26 Nov 2014 14:06:28 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1440 Weiterlesen ]]> endlich! nach ca. sechs monaten habe ich das buch von ernst lohoff und norbert trenkle durch. ich war mehrmals kurz davor, es für immer zur seite zu legen. nicht weil es scheiße wäre, sondern weil es für mich sehr anstrengend zu lesen war, da ich in dieser materie nicht so bewandert bin und oft lange nachdenken muss, bis ich einen sachverhalt verstanden habe und ihn einordnen kann. aber mein durchhaltevermögen hat sich gelohnt und mein verständis von der dynamik des kapitalismus und seiner krisen hat sich vertieft.

seit 2008 die große weltwirtschaftskrise ungebändigt durch die länder tobt, ist kapitalismuskritik schwer angesagt und quer durch die gesellschaft machen sich viele leute gedanken darüber, was hier falsch läuft und wie wir das ändern können. viele landen schnell dabei, gierige manager*innen, die banken und die konzerne für alles übel dieser welt verantwortlich zu machen. für mich sind bankenchef*innen und konzernbosse auch keine sympathieträger*innen. oftmals sind sie moralisch und ethisch völlig am boden und klar lösen sie mit ihren geschäften viel leid in der welt aus. aber eben nur, weil sie nach den regeln des kapitalismus spielen. der fehler liegt im system, und nicht in seinen teilchen.

die beiden autoren lohoff und trenkle breiten diese erkenntnis in 300 seiten aus, gehen dabei ins detail und setzen die derzeitigen krisen in einen historischen und theoretischen zusammenhang. sie zeigen minutiös, wie es zum crash kommen musste und bereiten die leser*innenschaft darauf vor, dass die nächste sich schon anbahnt.

besonders interessant und erhellend fand ich die beschreibung der transformation von der fordistischen ära zum derzeitigen finanzindustriellen kapitalismus. zwar ist der kapitalismus schon um einiges älter (ulrike herrmann siedelt seine entstehung in ihrem buch „der sieg des kapitals“ im jahre 1760 in england an), aber erst im fordistischen nachkriegsboom setzte das ein, was wir heute die „durchkapitalisierung“ der (welt-)gesellschaft nennen: alles wurde dem wachstumszwang und somit der kapitalistischen reichtumsform unterworfen. die durchkapitalisierung bescherte den industrieländern einen nie erahnten wachstum, der bis in die 1970er jahre anhielt. hier kam es dann zur nächsten strukturkrise, die aber durch die reaganomics, die privatisierungswelle, staatliche eingriffe in die wirtschaft (wir nennen das heute neoliberalismus) abgefedert wurde und in eine völlig durchgeknallte entfesselung von spekulation und kredit mündete. das verhältnis von fungierendem (also produktivem) und fiktivem (also auf in der zukunft erwarteten gewinn gerichtetes) kapital kehrte sich um, die finanzindustrie blähte sich ins unermessliche auf und konnte und kann nur durch immer mehr kredite am platzen gehindert werden. dieser inverse (also vertauschte) kapitalismus ist der heutige, fragile zustand unserer wirtschaft.

im epilog stellt das buch die these „diese gesellschaft ist zu reich für den kapitalismus“ in den raum und macht aber auch klar, dass das wirtschaften im real existierenden sozialismus, also die planwirtschaft, keine alternative war, da es, wie der westliche kapitalismus auch, sich immer auf ware, wert und abstrakte arbeit bezogen hat. dieser gescheiterte versuch zeigte zumindest eins deutlich, nämlich dass der kapitalismus und die marktwirtschaft untrennbar miteinander verbunden sind. lohoff und trenkle forden von einer zukünftigen wirtschaftsform „neue Formen und Verfahren der gesellschaftlichen Selbstorganisation und -verwaltung“, „die sich direkt auf die stoffliche Reichtumsproduktion beziehen“, abseits von profit und wachstum.

das buch endet mit den worten

Der liberale Urmythos, die kapitalistische Produktionsweise würde „das größte Glück der größten Zahl“ (Jeremy Bentham) garantieren, war immer schon eine grausame Verhöhnung der unermesslichen Opfer, die diese gefordert hat; […] Ein gutes Leben für alle kann es nur jenseits der abstarkten Reichtumsform geben. Es gibt nur eine Alternative zur katastrophischen Entwertung des Kapitals: die emanzipative Ent-Wertung der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion.

vielleicht bin ich ja bald soweit, mich an die mutter aller bücher über den kapitalismus zu wagen, das kapital von karl marx und friedrich engels…es steht verstaubt im bücherregal.

die große entwertungdie große entwertung – warum spekulation und staatsverschuldung nicht die ursache der krise ist
von ernst lohoff und norbert trenkle (gruppe kisis)
unrast verlag
18 €
isbn: 978-3-89771-495-3

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die häuser denen, die drin wohnen… https://nigra.noblogs.org/post/2014/09/10/die-haeuser-denen-die-drin-wohnen/ Wed, 10 Sep 2014 18:09:03 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1389 Weiterlesen ]]> [einige gruppen des anarchistischen netzwerks südwest* veranstalten gemeinsam mit den lokalen recht-auf-stadt-gruppen eine kleine rundreise mit peter nowak, der dabei sein neues buch „zwangsräumungen verhindern!“ vorstellen wird.]

Veranstaltungsrundreise: Buchvorstellung Zwangsräumungen verhindern!

Zwangsräumungen verhindern!
Buchvorstellung und Diskussion mit dem Autor und Journalisten Peter Nowak.

Poster_VA_PeterNowak_finalSeit Jahren werden in Deutschland tausende Menschen zwangsweise aus ihren Wohnungen geräumt, weil sie die Miete nicht zahlen können. Bisher gab es dagegen kaum Proteste. Doch seit einigen Monaten lassen sich Mieter_innen nicht mehr still vertreiben.

Der Journalist Peter Nowak hat in der Edition Assamblage das Buch „Zwangsräumung verhindern“ herausgegeben, in dem Geschichte und Perspektiven dieser Bewegung im Mittelpunkt stehen. Auf der Veranstaltung soll es vorgestellt werden.

Häufig liegt der Grund für die Mietschulden in der Weigerung der Jobcenter die volle Miete zu übernehmen. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Totalsanktionierung von Erwerbslosen. Dabei werden ihnen sämtliche Einkünfte gestrichen und die Betroffenen können dann auch die Miete nicht mehr zahlen. Auf der Veranstaltung soll daher auch diskutiert werden, ob und wie de Kampf gegen Zwangsräumungen mit dem Kampf gegen Niedriglohn und Hartz IV verbunden werden kann.

Die Rundreise mit Peter Nowak, organisiert vom Anarchistischen Netzwerk Südwest* in Kooperation mit den lokalen Recht auf Stadt Initativen:

Montag 15.09 | Freiburg: Strandcafé (Adlerstraße 12) | 20 Uhr
Dienstag 16.09 | Karlsruhe: Wagenburg (Haid- und Neu- Straße 153) | 20 Uhr
Donnerstag 18.09 | Mannheim: Wild West (Alp­horn­str. 38) | 20 Uhr

Flyer zum verteilen

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bücher lesen https://nigra.noblogs.org/post/2013/11/26/buecher-lesen/ Tue, 26 Nov 2013 10:06:35 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1200 Weiterlesen ]]>

„der sieg des kapitals – wie der reichtum in die welt kam: die geschichte von wachstum, geld und krisen“ von ulrike herrmann.

ulrike herrmann, einigen vielleicht bekannt als taz-autorin zum thema wirtschaft, liefert mit ihrem neuen buch „der sieg des kapitals“ einen lesenswerten blick auf den kapitalismus, seine entstehung, entwicklung und gegenwart.

das buch gliedert sich in eine einleitung , vier hauptteile und einen kurzen ausblick auf den untergang des kapitals.

im ersten teil, „der aufstieg des kapitals“, geht herrmann zurück bis zu den ersten hochkulturen der menschheit, ägypten, rom, china und anderen, schlägt einen bogen über das europäische mittelalter bis hin zum genauen datum der entstehung des kapitalismus im 18. jahrhundert im norden englands. sie beschreibt, warum die wirtschaft, obwohl es schon viele der heutigen finanzwerkzeuge und handelsmethoden gab, weder im alten rom, noch in den chinesischen kaiserreichen und dem mittelalter nennenswert wachsen konnte und warum sie es plötzlich in manchester ab dem jahre 1760 tat. und das rasant. es wurden menschen durch maschinen ersetzt und zwar durch webstühle.

im zweiten teil, „drei irrtümer über das kapital“, erklärt sie, dass die viel zitierte marktwirtschaft nichts mit kapitalismus zu tun hat, dass staat und kapitalismus sich bedingen und es schon immer die globalisierung gab, wenn auch in unterschiedlicher geschwindigkeit. so nahm allein durch die erfindung der telegrafie die übertragungsgeschwindigkeit von nachrichten um den faktor 10.000 zu. und wer nutzte die moderne kommunikationsform als einer der ersten? banken und börsenbroker_innen.

im dritten teil, „kapital versus geld“, nähert herrmann sich der frage an, was denn geld überhaupt ist und macht deutlich, dass geld ungleich kapital ist. geld ist eine „soziale übereinkunft“, kapital aber ist der greifbare reichtum an dienstleistungen und waren, die eine gesellschaft herstellt. kurz geht sie auf den wert von gold ein, der nur darauf beruht, dass menschen ihm einen geben. einen wirklichen nutzen hat das edelmetall kaum. die angehäuften vorräte verstauben in tresoren. sie zeigt, dass schulden und zinsen im kapitalismus sinn machen. vor dem kapitalismus war das ganze wirtschaften ein nullsummenspiel: was die eine seite verlor, gewann die andere. es kam nichts dazu. erst durch den wachstum kam es zu einer „win-win-situation“. kapitalismus ohne schulden, also ohne kredite, sei nicht denkbar. hier packt sie den anarchisten und occupyaktivisten david graeber am kragen und behauptet, dass heutige ausbeutung nicht auf schuldknechtschaft beruht, sondern auf unggleichen löhnen und ungleichen bildungschancen, die es zu bekämpfen gilt. auch an den zinskritiker_innen wie margaret kennedy lässt sie kein gutes haar: wie kann der zins die wurzel allen heutigen übels sein, wenn schon die alten mesopotamier_innen wussten wie der zinseszins berechnet wird und ihn auch verlangten? in ihrer kultur gab es zinsen aber so gut wie kein wachstum. die beiden letzten kapitel des dritten teils beschäftigen sich mit der inflation und der spekulation. schon im 17. jahrhundert blähten sich die ersten spekulationsblasen auf: die neu aus der türkei importierten tulpen entfachten einen unglaublichen run bis eine tulpenzwiebel mehr als 4600 gulden kostete. das entsprach dem wert von 40 fetten ochsen. als die ersten anleger_innen wieder zu sinnen kamen und ihnen dämmerte, dass eine tulpenzwiebel eine tulpenzwiebel eine tulpenzwiebel ist und bleibt, platzte die blase.

der letzte teil „die krisen des kapitals“ hangelt sich von den ersten krisen über die erste weltwirtschaftskrise von 1929 bis zu den gegenwärtigen eurokrisen. hier zeigt herrmann, dass sie den kapitalismus nicht abschaffen , sondern reformieren will und gibt dafür auch viele tipps und anleitungen, wie zukünftige krisen verhindert oder abgemildert werden könnten. abgesehen davon erklärt dieser letzte teil sehr gut, wie krisen entstehen und wer gerade von den aktuellen super profitiert und alles dafür tut, dass es auch so bleibt.

das letzte kapitel, das ich mit der größten spannung erwartete, „ausblick: der untergang des kapitals“ , ist dann sehr kurz ausgefallen. gerade mal neuen seiten widmet herrmann dieser doch eigentlich spannendsten aller fragen: wie lassen wir die ganze scheiße hinter uns und bauen eine welt ohne unterdrückung, umweltzerstörung und armut auf. andererseits hat ja niemand wirklich einen plan, wie wir vom ist-zustand zum soll-zustand kommen. diese krux wurde noch nicht gelöst. herrmann tut aber alle versuche und projekte, die es so weltweit gibt, mit einem lapidaren „es wird sich ein neues system herausbilden, das heute noch nicht zu erkennen ist.“ ab. das ist mir zu wenig. begriffe wie eigentum, selbstverwaltung, herrschaft oder gar soziale revolution kommen erst gar nicht vor.

die große stärke des buches ist für mich die gute lesbarkeit und der historische blick auf den ganzen wahnsinn. er ist oft garniert mit anektdoten, geschichten und beispielen, so dass der wahnsinn plastisch und nachvollziehbar wird. dennoch wirkt das buch auf mich immer wieder wie eine verteidigungsrede für den kapitalismus: zu selten stellt sie seine widerwärtigkeiten und seine unmenschlichkeit heraus. so gesteht sie ihm zu, dass er den hunger besiegt hätte, nur weil er überfluss, z.b. in form von „milchseen“ und „butterbergen“ produziert. aber die absolute menge der nahrungsmittel, die ja wirklich für alle reichen würde, sagt noch nichts über deren verteilung aus. und das ist ja ein hauptproblem des kapitalismus: der vorhandene reichtum konzentriert sich bei den reichen dieser erde, die die produktionsmittel, sprich kapital besitzen. hungerleider_innen sind keine konsument_innen, tragen nicht zum wachstum bei und sind darum uninteressant.

alles in allem trotzdem ein buch mit vielen stärken und aha-momenten. herrmann wollte den kapitalismus, bzw das kapital, beschreiben und das ist ihr für mich gelungen.

vielleicht schreibt sie noch einen teil 2: „die folgen des kapitalismus – wie die armut und der klimawandel in die welt kamen“…

Hermann_Der_Sieg_des_Kapitals_01der sieg des kapitals – wie der reichtum in die welt kam: die geschichte von wachstum, geld und krisen
ulrike herrmann
westend verlag
isbn 978-3-86489-044-4

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