Interview – n i g r a https://nigra.noblogs.org anarchistisch / optimistisch / dunkelschwarz Sun, 07 May 2023 06:49:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://nigra.noblogs.org/files/2017/08/cropped-still-loving-linksunten-32x32.png Interview – n i g r a https://nigra.noblogs.org 32 32 Bücher lesen: Die Klimakrise und der Global Green New Deal https://nigra.noblogs.org/post/2023/05/07/buecher-lesen-die-klimakrise-und-der-global-green-new-deal/ Sun, 07 May 2023 06:49:21 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3539 Weiterlesen ]]> Noam Chomsky, Robert Pollin und C.J. Polychroniou gehen in dem 2021 beim Unrast Verlag erschienenen Buch Die Klimakrise und der Global Green New Deal der Frage nach, wie die Klimakatastrophe anhand eines weltweiten Umbaus der Energiewirtschaft aufgehalten werden kann.

Das 145 Seiten umfassende Buch ist ein Interview, in dem der Politikwissenschaftler und Volkswirt Polychroniou dem Anarchisten Chomsky und dem Wirtschaftswissenschaftler und Sozialisten Pollin Fragen zum Thema Klimakrise und zu Pollins Vorschlag zu einem Global Green New Deal stellt.

Pollin stellt seinen Vorschlag gründlich und gut verständlich dar. Dieser Vorschlag ist weder radikal noch antikapitalistisch sondern nüchtern und pragmatisch immer unter der Prämisse, dass wir nur noch wenig Zeit haben, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Weder fordert er eine sofortige Abkehr vom Kapitalismus noch die soziale Weltrevolution in den nächsten zehn Jahren. Ich halte das für zielführend und die globale Lage für realistisch einschätzend: Wir werden in der uns verbleibenden Zeit weder den Kapitalismus überwinden noch die Weltrevolution erleben. Darum müssen wir, wenn wir wollen, dass die Menschheit überlebt und eines Tages in freien Gesellschaften leben kann, pragmatisch handeln. Und das auf globaler Ebene so schnell wie möglich. Das ist schon schwer genug.
Chomskys Beiträge beschränken sich eher auf unterstützende Ergänzungen, die aber immer wieder Pollins Ausführungen ins Gesamtbild einordnen. Natürlich kommen die seit Jahrzehnten von ihm bekannten, aber deswegen nicht falschen Kritikpunkte an der Innen- und Außenpolitik der USA zum Tragen.

Pollin zeigt, dass es rein monetär betrachtet einen lächerlich geringen Betrag der jährlichen globalen Geldmengen braucht, um die Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien umzustellen. Und hier liegt auch ein Hauptaugenmerk des Deals: Die Weltwirtschaft muss ihre benzinbetriebenen Verbrennungsmotoren, ihre kohleverbrennenden Kraftwerke und ihre gasbetriebenen Heizungen auf eine Energiegewinnung umstellen, die zu hundert Prozent auf Wind-, Sonnen- und Wasserkraft basiert. Das liest sich erstmal nüchtern und könnte so auch auf einem x-beliebigen Parteitag irgendeiner halbwegs grünen oder sozialdemokratischen Partei vorgetragen werden, zumal das alles letztenendes Forderungen an Regierungen sind, entsprechende Gesetze zu schaffen. Aber zum Glück bleibt Pollin, sekundiert von Chomsky, nicht dabei stehen: Beide sehen, dass „Klimaschutz“ allein nicht genug ist und dass Klimagerechtigkeit ein maßgeblicher Bestandteil aller Bestrebungen sein muss, die Klimakatastrophe aufzuhalten. Desweiteren sehen sie in den Folgen dieses globalen Umbaus eine Chance für die Weiterentwicklung der Gesellschaft hin zu einer freieren, dezentraleren, gerechteren, ökologischeren Weltgesellschaft. Ich kann ihnen da nur beipflichten und kam in meinem Text System Change, not Climate Change? Die befreite Gesellschaft und die kommende Klimakatastrophe in Teilen zu ähnlichen Gedanken.

Der Kampf muss – und kann – an allen Fronten geführt werden.
Noam Chomsky

Im ersten Kapitel gehen Chomsky und Pollin auf das Wesen und die Auswirkungen der Klimakatastrophe ein und machen deutlich, dass sie die größte Bedrohung für die Existenz der Menschheit seit der atomaren Aufrüstung ist.

Im zweiten Kapitel zeigen sie deutlich auf, dass der Kapitalismus im Gewand des Neoliberalismus gepaart mit irrationalen Entscheidungen der Herrschenden die Ursache für die Misere ist. Hier wird der us-amerikanischen Schwurbler*innen-Partei die Republikaner eine besondere Bedeutung beigemessen.

Das dritte Kapitel skizziert dann den Global Green New Deal Pollins und jongliert mit gut belegten Zahlen zu Emissionswerten, Geldmengen etc. Hier wird deutlich, dass das Ganze Hand und Fuß hat und mit politischem Willen umsetzbar wäre. Es wird auch auf die Ideen der Degrowth-Bewegung eingegangen und solidarische Kritik an ihr geübt.

Wie es geschafft werden kann, Menschen für die Rettung des Planeten zu gewinnen, wird im vierten Kapitel behandelt. Leider ist dieser Teil, der meiner Meinung nach der wichtigste ist, auch der kürzeste und bleibt eher allgemein. Dennoch endet das Buch mit positiven Beispielen von sowohl graswurzlerischen Bewegungen wie auch staatlichen Maßnahmen.

Mir gefällt an diesem Buch, dass Pollin und Chomsky alle Menschen mitnehmen wollen und sehr darauf bedacht sind, dass der Umbau hin zu einer Null-Emissions-Wirtschaftsweise immer unter dem Gesichtspunkt der Klimagerechtigkeit und der Gerechtigkeit allgemein geschehen muss: Er erkennt die Lebensrealitäten der Menschen an, die in den allermeisten Fällen von Lohnarbeit, Prekariat und Armut geprägt sind. Besonders in den Ländern, die am wenigsten zur Klimakatastrophe beitragen aber schon jetzt am meisten unter ihr leiden. Bei aller Nüchternheit des Textes enthält er dennoch eine gute Prise Utopie – Ausblicke auf eine gute Zukunft für alle – und das macht mir Mut. Und Mut brauchen wir alle, mich verlässt er immer wieder seit den Coronajahren und der immer greifbarer werdenden Klimakatastrophe und dann bin ich froh, so ein Buch zu lesen.

Der Green New Deal ist meiner Ansicht nach der einzige Ansatz zur Klimastabilisierung , der auch in der Lage ist, den anstieg der Ungleichheit umzukehren und damit den globalen Neoliberalismus und den aufsteigenden Neofaschismus zu bezwingen.
Robert Pollin

C.J. Polychroniou (Hrsg.), Noam Chomsky und Robert Pollin

Die Klimakrise und der Global Green New Deal

145 Seiten

ISBN: 978-3-89771-298-0

14,00 €

Unrast Verlag
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30 Menschen solidarisieren sich mit gefeuertem Taxifahrer in Achern https://nigra.noblogs.org/post/2021/10/30/30-menschen-solidarisieren-sich-mit-gefeuertem-taxifahrer-in-achern/ Sat, 30 Oct 2021 15:11:59 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3277 Weiterlesen ]]> Wer seine Rechte und ausstehende Lohnzahlungen einfordert und sich dazu noch basisgewerkschaftlich organisiert und sich Hilfe holt, wird beim Taxidienst Baden Blitz schnell den Job los. Genau so erging es einem Genossen der FAU. Die Vorgeschichte könnt ihr hier detaillierter nachlesen.

Um noch mehr Druck auf die Inhaberin Claudia Thumberger aufzubauen, rief die Freiburger Ortsgruppe der FAU heute zu einer Solidaritätskundgebung am Acherner Standort der Firma auf. Über 30 Menschen aus verschiedenen Städten Baden-Württembergs und aus Strasbourg kamen zusammen und zogen durch Achern. Es wurden Flugblätter zum Fall verteilt und Gespräche mit Passant*innen geführt. Direkt vor dem Acherner Büro von Baden Blitz fand dann die eigentliche Kundgebung statt. Von der Firma ließ sich niemensch blicken. Ein Insider erzählte, dass es für die Angestellten bei vielen Taxiunternehmen nicht gut laufe, aber bei Baden Blitz sei es besonders schlimm.
Mensch darf gespannt sein, wie es weitergeht, nachdem mit dieser Aktion die Acherner Öffentlichkeit über den Fall informiert wurde.

Baden Blitz, Geld her und zwar blitzschnell!

Weitere Infos zur Sache:

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“so was habe ich in meinem ganzen leben noch nicht gesehen.” https://nigra.noblogs.org/post/2013/10/07/so-was-habe-ich-in-meinem-ganzen-leben-noch-nicht-gesehen/ Mon, 07 Oct 2013 10:07:41 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1174 Weiterlesen ]]>

ein interview mit einer brasilianischen anarchistin über das land und die proteste im juni 2013

enila dor lebt in porto alegre in brasilien. sie ist seit vielen jahren politisch aktiv und organisiert sich zu verschiedenen themen wie feminismus und anarchismus in gruppen und netzwerken und in der anarchopunkszene.

die proteste und den widerstand in porto alegre hat sie aus nächster nähe miterlebt.

das interview wurde von mitte juli bis mitte august 2013 auf englisch per email geführt.

nigra: hallo enila. erstmal danke, dass du dir die zeit nimmst, meine fragen zu beantworten.

enila: ich danke dir. es ist eine gute gelegenheit, darüber zu berichten, was hier los ist. zeit ist auch eine frage der prioritäten.

wenn ich an brasilien denke, dann kommen mir begriffe wie amazonas, regenwald, yanomami, rio de janero, zuckerhut, karneval und favelas in den sinn. strenge ich mein hirn stärker an, tauchen da auch chico mendez, die landlosenbewegung, roberto freire und ein paar coole anarchopunkbands auf. wie würdest du brasilien beschreiben?

das ist wirklich eine schwere frage. brasilien ist all das, was dir in den sinn kam, eine mischung aus der realität und dem, was sich gut an nichtbrasilianer_innen verkaufen lässt. brasilien ist ein riesiges land mit verschiedenen kulturen, so dass wir sagen können, dass hier viele länder in einem existieren. was in all diesen gleich ist, sind die gesetze: alle bundesstaaten haben die gleichen mehrheitsrechte. die großen medien, die sieben reichen familien gehören, formen und kontrollieren die öffentliche meinung (ähnlich wie in anderen ländern). es gibt viele gesellschaftsschichten und sehr große unterschiede zwischen ihnen. die reichtümer sind im besitz einer sehr kleinen minderheit. die natur ist großartig, aber in den großstädten ist sie weit weg und der größte teil des wassers, der flüsse und meere rund um die städte ist sehr verschmutzt. gentrifikation ist groß im kommen, vor allen dingen wegen der fußballmeisterschaft der männer im kommenden jahr. es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass brasilien eine sehr hohe rate von gewalt gegen frauen hat. sie werden diskriminiert: frauen bekommen weniger gehalt für die gleichen jobs. viele mädchen und frauen prostituieren sich und während der weltmeisterschaft wird der sex-tourismus noch mal zunehmen.

brasilien ist auch ein rassistisches land. wir leben in einer art apartheid: grundsätzlich leben schwarze menschen in ärmlichen gegenden. sie werden öfter von der polizei ins visier genommen und erfahren mehr polizeibrutalität. sie haben weniger zugang zu schulen und jobs. schwarze frauen leiden darunter doppelt.

indigene menschen werden immer noch von ihrem land vertrieben und umgebracht.

es ist eine pessimistische darstellung, aber ich sehe keinen grund darin, hervorzuheben, dass es hier wunderschöne plätze in der natur gibt, die menschen herzlich sind, usw. usf. jede_r weiß das.

wie steht es um die anarchistische bewegung in brasilien? gibt es gruppen, netzwerke oder föderationen?

es gab eine starke anarchistische bewegung am anfang des 20. jahrhunderts, beeinflusst von europäischen einwanderer_innen. es gab einige anarchistische zeitungen, anarchist_innen waren an zwei generalstreiks beteiligt und es gab kommuneexperimente. all das verschwand, als die repression und verfolgung während der diktaturen in den 1930er, 1950er und 1960er jahren zunahm. in den letzten 20 jahren gewann der anarchismus an stärke und sein wiedererwachen ist teilweise auf die punkbewegung zurückzuführen. dort war er thema in der mitte der 1980er jahre. seit da entstehen föderationen, anarchopunkbands, netzwerke, verlage und buchmessen. es gibt auch organisierte anarchafeministische gruppen. und obwohl ich nicht an einen anarchismus ohne feminismus glaube, hebe ich den anarchafeminismus hervor, da er für viele anarchist_innen kein hauptthema ist. und ich sage das, während ich mir vorstelle, wie das einige leute lesen und sagen: “das ist überflüssig. es ist nicht notwendig, anarchafeminismus so zu betonen.” ich sage aber, dass es sehr wohl notwendig ist, den anarchafeminismus auch unter anarchist_innen immer zum thema zu machen, weil es leider auch in der libertären szene viel machismus und gewalt gibt.

bist du organisiert und wenn ja in welcher form?

ja, ich versuche organisiert zu sein, haha. nein, im ernst, ich bin in anarchistischen kollektiven organisiert, ich habe eine kleine bezugsgruppe und bin teil eines anarchafeministischen kollektives. ich arbeite in einem feministischen netzwerk und bin teil einer selbstverteidigungsgruppe für frauen. meine kleine bezugsgruppe und mein feministisches kollektiv organisieren veranstaltungen und aktionen mit anderen anarchistischen gruppen oder libertären, sozialen bewegungen. und im nächsten november organisieren wir die vierte anarchistische buchmesse von porto alegre.

die proteste begannen am 14.06.2013. ich war von der intensität und größe völlig überrascht. als ich dann aber nachgeforscht habe, lernte ich schnell, dass sie nicht in einem vakuum entstanden, sondern eine vorgschichte haben.

hier in porto alegre begannen die proteste im februar dieses jahres. jedes jahr im februar steigen die preise der bustickets und über viele jahre gab es schon proteste in großen städten. aber klar, dieses jahr waren die intensität und quantität viel größer und es fanden auch in vielen kleinstädten proteste statt.

gab es anarchistische beteiligung an den protesten und wenn ja, konnte diese sich inhaltlich einbringen?

sie wurden hauptsächlich von anarchist_innen und einigen linken parteien initiert. überraschenderweise kamen anarchistische ideen in die öffentlichkeit. die leute begannen über anarchismus zu reden. die medien und die regierung konnten nicht leugnen, dass anarchist_innen beteiligt waren. es gab einige ermittlungen gegen anarchist_innen und z.b. die anarchistische föderation (fag) hier wurde von der polizei ohne durchsuchungsbefehl gerazzt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAder höhepunkt der proteste scheint überschritten zu sein, der cup ist zu ende. wie sieht es aktuell aus?

es ist noch nicht vorbei. die proteste gehen an vielen orten weiter, hauptsächlich in rio de janeiro, aber mit weniger intensität. es ist wichtig zu sagen, dass die leute nun (in einem positiven sinn) an die proteste gewöhnt sind. das macht es leicht möglich, wenn nicht sogar unumgänglich, dass neue proteste aufkommen.

in irgendeinem interview habe ich gelesen, dass es kein zufall war, dass die proteste genau mit dem cup zusammenfielen: heute schaut die welt auf uns! dort wurde auch prophezeit, dass rechtzeitig zum world cup eine neue phase des protests anstehen wird. wie siehst du das?

ich denke, dass die proteste größer wurden, als der cup begann. die zwangsräumungen, die abschottung der innenstadt, die krankenhausschließungen und die armee in den straßen machten eine antwort dringlicher. wenn die fußballweltmeisterschaft der männer beginnt, das glaube ich auch, werden dir proteste stark wiederkommen.

wie sahen die proteste in deiner heimatstadt porto alegre aus?

die proteste waren sehr intensiv. es gab viel polizeigewalt und sehr viele riots. so was habe ich in meinem ganzen leben noch nicht gesehen. eigentlich begannen die proteste hier in porto alegre radikaler zu werden, dann in sao paulo und dann an anderen orten. es war unglaublich, zu sehen, wie jeden tag proteste stattfanden und wie ein protest in einer stadt die menschen in der anderen motivierten und umgekehrt. es war wie eine verbindung und auch ein netzwerk. der alltag veränderte sich sehr stark. banken und läden schlossen früher, die leute beendeten ihre schichten auch früher. nach den kämpfen der ersten nacht verrammelten die banken und läden ihre fenster und viele mussten das wieder und wieder tun. die polizei war sehr gewalttätig und setzte eine menge tränengas ein. das tränengas ging aus und der staat musste mehr bestellen. es wurde auch abgelaufenes gas eingesetzt. anderes gas war dafür bestimmt, in kriegsgebiete geschickt zu werden, erreichte diese länder aber nie, sondern wurde hier eingesetzt. es hatte eine andere zusammensetzung und darf hier in brasilien nicht eingesetzt werden (aber in einigen afrikanischen ländern…). einige menschen starben durch den einsatz von tränengas. es wurden auch gummigeschosse benutzt, pfefferspray, wasserwerfer und scharfe munition. es wurden menschen gefoltert und menschen verschwanden. nicht zu vergessen die menschen, die später tot aufgefunden wurden. frauen haben sexualiserte gewalt erfahren und wurden vergewaltigt. favelas (slums; d.ü.) wurden auch öfter überfallen und es gab dort massaker: im erwähnenswertesten fall in der favela da mare in rio de janeiro wurden zehn menschen erschossen. viele demonstrant_innen wurden von autofahrer_innen überfahren, da diese es nicht abwarten konnten, bis die demonstration vorübergezogen war. einige menschen starben. hier ist es wichtig zu erwähnen, dass brasilien eine starke autokultur hat und fahrer_innen, die jemanden verletzen oder töten, werden selten bestraft.

BRAZIL-CONFED-PROTESTin europa erleben wir u.a. in frankreich und ungarn einen krassen rechtsruck. eine zeit lang wurde berichtet, dass rechte gruppen die proteste für sich instrumentalisieren würden und ihnen das auch gelänge. gibt es eine nennenswerte rechte bewegung in brasilien und konnte diese wirklich in den letzten wochen punkten?

ich denke, dass die rechte unterschiedliche tendenzen hat. nationalismus ist immer dabei, aber in verschiedenen ausprägungen. eine ist militaristisch, eher traditionell und konservativ, inspiriert von faschistischen und imperialistischen ideen. die andere ist nationalistisch in ihrer verehrung für brasilien. beide waren bei den protesten präsent. ich denke, dass die letztere erfolgreicher war. sie versuchte die proteste zu entpolitisieren und die menschen abzuschrecken.

ich bin immer wieder davon überrascht, dass bei solchen bewegungen, die jeweiligen nationalflaggen des antsprechenden landes zuhauf geschwenkt werden. so auch auf vielen fotos und in vielen videos aus brasilien. als anarchist sehe ich patriotische tendenzen immer mit sorgen. was würdest du an den protesten kritisieren?

die proteste begannen wegen der erhöhung der busticketpreise und auch wegen den anderen dingen bezogen auf den cup und die ausgaben der regierung für die nächste die fußballweltmeisterschaft. es war eine totale überraschung für die gesellschaft, dass sich so viele menschen beteiligten und mit engagement und stärke protestierten. so war es eine offene tür für die opportunist_innen, die meisten von ihnen aus der mittelschicht, engagiert gegen korruption, und rechte parteien und organisationen. die medien spielten eine wichtige rolle dabei, die proteste zu befrieden und die protestierenden zu verfolgen, die an den riots beteiligt waren. die medien verbrachten die ganze zeit damit, einen unterschied zwischen den “guten” und den “bösen” protestierenden zu konstruieren. sie begannen zu behaupten, dass die proteste sich nur gegen die korruption richten würden. sie versuchten so, die ursprünglichen themen unter den teppich zu kehren. nationalist_innen und moralisierende pazifist_innen kamen zu den protesten. brasilianische flaggen wurden geschwenkt und nationalismus wurde in die szenerie eingebracht. es tat weh zu beobachten, wie leute die polizeigewalt entschuldigten. es war abscheulich, friedensbewegte menschen zu beobachten, wie sie militante protestierende angriffen, die an den riots teilnahmen oder nur graffitis sprühten. die gewalt nahm zu, als neonazis auftauchten und anarchist_innen, punks, leute von mst (movimento dos trabalhadores sem terra; bewegung der landlosen arbeiter_innen) und menschen von linken parteien angriffen. es wurde sehr chaotisch und groß, so dass wir nicht wussten, in welche richtung sich die dinge entwickeln würden. wir hatten angst vor einem staatsstreich. die atmosphäre war seltsam gefährlich und schwer.

rio de janeirosiehst du paralellen zum arabischen frühling oder der gezi-park-bewegung in der türkei? auch dort fing ja alles ganz „harmlos“ an und breitete sich dann wie ein feuer übers ganze land aus.

die gemeinsamkeiten, die ich sehe, sind, dass die menschen das vertrauen in die demokratie verloren haben und dass das internet geholfen hat die dinge leicht und wie einen virus zu verbreiten. in dieser zeit musst du nicht teil einer politischen bewegung sein, um an kämpfen teilzunehmen, sondern du folgst gruppen und blogs. das hat positive und negative seiten, mit denen wir klar kommen müssen.

du lebst in porto alegre. die millionenstadt im süden brasiliens wurde bei uns hauptsächlich dadurch bekannt, dass dort über jahre hinweg das weltsozialforum stattfand. zusätzlich wurde porto alegre hierzulande dafür gelobt, dass ein bis in die stadtteile reichendes system der mitbestimmung und selbstverwaltung eingerichtet wurde. z.b. über bauvorhaben und den gemeindehaushalt sollte so von möglichst vielen menschen mitentschieden werden. inwieweit spiegelt sich das in deiner lebensrealität wieder?

ich denke, dass diese sebstverwaltung nicht so funtioniert, wie es den anschein hat. die beweise dafür sind z.b. die zwangsräumungen, die wachsende anzahl von einkaufszentren, die immer größeren straßen und brücken, die die stadtteile durchschneiden. eigentlich ist “selbstverwaltung” nicht die richtige bezeichnung dafür, sondern “bevölkerungsberatung” und es bedeutet nicht, dass die von den menschen als dringlich betrachtete themen in die realität umgesetzt werden. es gibt das ganze nun schon seit mehr als 20 jahren und es gibt immer noch viele stadtviertel ohne abwasserentsorgung und viele gemeinswesen haben keine schulen und öffentliche verkehrsmittel, wie sie sie gerne hätten.

enila, ich danke dir und wünsche euch alles gute für eure kämpfe.

vielen dank. die fragen waren sehr interessant. ich hoffe, dass meine ausführungen den leuten bei euch etwas sagen werden.

[das interview habe ich für die 改道 gǎi dào gehalten. es erscheint in der aktuellen oktoberausgabe sowohl online wie auch als druck. abonnieren könnt ihr die 改道 gǎi dào hier.]

]]> die schwarzen ecken des webs https://nigra.noblogs.org/post/2013/03/24/die-schwarzen-ecken-des-webs/ Sun, 24 Mar 2013 17:50:54 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=956 Weiterlesen ]]> so heißt eine reihe der systempunkte.org-redaktion. in ihr werden anarchistische und libertäre websiten und blogs in form eines interviews vorgstellt. bisher waren anarchismus.at, die gai dao  und krisenblog.org dran.

nun hat es auch mich erwischt. nachlesen könnt ihr das interview hier.

systempunkte-logo-g

 

 

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ein garten für alle: „bread homes sharing garden“ auf den philippinen, teil 2 https://nigra.noblogs.org/post/2013/03/02/ein-garten-fur-alle-bread-homes-sharing-garden-auf-den-philippinen-teil-2/ Sat, 02 Mar 2013 11:54:01 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=938 Weiterlesen ]]>

mehr als ein jahr ist seit dem ersten interview mit kinabuhi vom bread homes sharing garden (bhsg) in davao city auf den philippinen vergangen. ging es dabei hauptsächlich um seinen persönlichen aktivismus, um die hintergründe des projektes und die anfangsschwierigkeiten, sollen hier nun die entwicklung des gartenprojekts der letzten monate beleuchtet, fortschritte und rückschläge aufgezeigt und einen ausblick auf die zukunft gewagt werden. meine interviewpartnerin heißt freeda.

bhsg4hallo freeda. erstmal will ich dir dafür danken, dass du dir die zeit nimmst, um meine fragen zu beantworten. erzähl doch mal ein bischen was von dir und deiner politischen arbeit.

ich bin eine der koordinator_innen des bhsg-projekts. bis vor vier jahren hatte ich mit politischem aktivismus noch nichts zu tun. einer meiner freunde, kinabuhi, lud mich in deren infoladen und leihbücherei ein. ich mochte den ort und die idee, etwas für das gemeinwesen und die bewegung zu tun. daher entschloss ich mich dazu, mit dem kollektiv zu leben, ihre kampagnen und den politischen aktivismus zu unterstützen. ich erkannte, wie wichtig das war. dadurch erweiterten sich meine politischen ansichten und perspektiven auf verschiedene dinge.

wie bist du zu bhsg gestoßen und was sind deine beweggründe, nahrungsmittel selbst anbauen zu wollen?

ich und kinabuhi hatten den wunsch, auf einem biologisch bewirtschafteten hof zu arbeiten, der das gemeinwesen über einen langen zeitraum oder sogar für immer unterstützt. wir beide planen alles für bhsg, erstellen programme und arbeiten an kampagnen, die das projekt unterstützen sollen. einiges davon wird dieses jahr noch anlaufen. ich wollte meine eigenen nahrungsmittel anbauen, weil ich nicht mehr von konzernen und landwirt_innen abhängig sein wollte, die pestizide, fossile brennstoffe, genmanipuliertes saatgut von monsanto und schädliche chemikalien benutzen. und ich bin gern teil einer gemeinschaft, die an lösungen für eine bessere gegenwart und zukunft arbeitet.

der bhsg exestiert nun seit ca 1,5 jahren. wie hat er sich in den letzten monaten entwickelt? gab es rückschläge und fortschritte?

ja, es gibt so viele fortschritte, was das persönliche lernen, kulturelle einflüsse und kreativität angeht. einige unserer nachbarn und netzwerke haben seither die wichtigkeit des anbaus von biologischen lebensmitteln und aktivitäten des gemeinswesens erkannt. auch wenn die meisten sich nicht so ohne weiteres von der matrix des kapitalistischen herr-sklave-paradigmas freimachen können, beginnen sie nun dinge zu hinterfragen und das gärtnern als eine lösung des hunger- und umweltverschmutzungsproblems anzusehen. wir teilten die letzte ernte mit allen helfer_innen, aber es war nie genug, um alle beteiligten nachbar_innen zu ernähren. das liegt unter anderem an der schlechten bodenqualität. darum haben wir zeitweise gar nichts mehr angebaut. aber während wir in einem teil des gartens gemüse anbauten, düngten wir die anderen teile mit kompost. wir kompostieren auf traditionelle art und weise, indem wir zum beispiel bananenschalen, kuhmist und andere organische stoffe in den boden einbringen. darum haben wir nun endlich genug gute erde, um wieder anfangen zu können. ich und kinabuhi sind immer noch die aktivsten im projekt – vom gärtnern über’s bloggen und vernetzen bis hin zum gelder auftreiben. manchmal ist es auch für uns schwer, uns auf eine sache zu konzentrieren. unser kollektiv arbeitet auch zu anderen themen, wie zum beispiel unsere ku free school und ganz besonders das food freedom projekt, das eine große kampagne zur informtion über aspartame, monosodium glutamat, fluoride und gentechnisch veränderte lebensmittel unterstützt hat und eng mit bhsg verbunden ist. um ehrlich zu sein suchen wir eine ausreichende finanzielle unterstützung, damit wir keiner lohnarbeit nachgehen müssen und wir uns stattdessen auf unsere projekte konzentrieren können, die wichtiger und bedeutungsvoller sind.

bhsg1eine idee, des bhsg war ja, die nachbarschaft zu motivieren und sie für die mitarbeit im projekt zu gewinnen. haben diese idee und eure bemühungen früchte getragen?

da gibt es so viele dinge, denen wir uns stellen müssen. das wichtigste aber ist, wie wir die saat erfolgreich zum wachsen bringen und wie wir daraus neues saatgut gewinnen können. es ist nicht einfach, das saatgut zum keimen zu bringen, da die böden sehr nährstoffarm sind. vielleicht ist das einer der gründe, warum wir keine ständigen helfer_innen haben: sie fühlen sich durch die situation nicht inspiriert. wir ermutigen unsere nachbar_innen und freund_innen ständig dazu, sich am projekt zu beteiligen und die meisten verstehen die wichtigkeit des gartenanbaus und die gefahren des konsums von chemisch behandelten lebensmitteln aus dem supermarkt. aber bis jetzt fällt es ihnen nicht leicht, sich an aktionen zu beteiligen, da sie alle arbeiten gehen müssen, um ihre familien zu versorgen. wir selbst haben keine kinder, die wir ernähren müssen und darum haben wir mehr zeit. aber das heißt nicht, dass wir aufgeben. wir wissen ja, dass sie die wichtigkeit des projektes erkannt haben. und immer wieder lernen wir leute kennen, die an gemeinschaftsgärten und biologischem landbau interessiert sind. zur zeit helfen wir freund_innen in bislig, surigao (eine vier stunden fahrt von davao city entfernt), einen gemeinschaftsgarten zu starten. hoffentlich finden wir auch gruppen, die daran interessiert sind, sie auf irgendeine art und weise zu unterstützen.

weltweit gewinnt die idee des community gardening immer mehr anhänger_innen. wie sieht es bei euch in davao citiy und den philippinen aus? gibt es noch mehr gärten?

es gibt nichtregierungsorganisationen, die biologischen landbau betreiben, aber sie haben ein anderes konzept von gartenanbau und gemeinschaft. herkömmliche nichtregierungsorgani-sationen haben nichts mit horizontalen, anarchistischen strukturen gemeinsam. sie sind hierarchisch orientiert und bhsg will genau diese art von system entlarven. es gibt auch einige wenige gemeinschaftsgärten, die von der örtlichen regierung betrieben werden, aber die sind wirklich schrecklich und immer noch auf kapitalistische ziele ausgerichtet. im moment gibt es hier in davao kein projekt, das bhsg ähnelt. aber wir sind zuversichtlich, dass sich das ändern wird. ich weiß, dass wir viele menschen hier inspirieren können.

Digital Camerader bhsg ist ja nur ein kleiner teil eurer politischen infrastruktur, die ihr gemeinsam mit anderen aktivist_innen am leben erhaltet. kannst du uns etwas zu diesem netzwerk erzählen?

unser netzwerk besteht aus verschiedenen individuen. einige sind künstler_innen, facharbeiter_innen, lehrer_innen, schriftsteller_innen und musiker_innen. die meisten von ihnen sind keine expliziten anarchist_innen, aber haben ähnliche politische ansichten. einige sind anarchist_innen, die sich nicht mehr so bezeichnen, aber immer noch – politisch und intelektuell – der idee anhängen. diese leute helfen uns in einigen unserer projekte, können aber nicht ihre ganze zeit opfern, weil sie jobs haben müssen, um ihre familien zu ernähren. unsere kerngruppe besteht aus nur sieben leuten und wir arbeiten an verschiedenen projekten. wir unterstützen uns gegenseitig darin, die leihbücherei, den garten, die freie-schule-aktivitäten (filmaufführungen, diskussionen über texte aus zines und büchern, etc.), kampagnen gegen bergbau und genmanipulation, kulturelle, literarische und andere politische treffen aufrechtzuerhalten.

drei unsere genoss_bhsg2innen arbeiten sehr hart zum thema bergbau. das projekt heißt undangon ang mina network (stop mining network). ich und kinabuhi arbeiten daran, biologischen landbau und radikale gesundheitsfürsorge bekannter zu machen, das gemeinwesen durch alternative aktivitäten zu stärken und die leute auf den einfluss der massenmedien aufmerksam zu machen.

am 3. dezember 2012 wurden die philippinen und besonders auch die region um mindanao von einem außergewöhnlich starken taifun, genannt „pablo“, getroffen. wie hat sich das auf eure arbeit ausgewirkt?

der letzte taifun hier war eine große katastrofe. ich habe an einem ort mitgeholfen, wo menschen mit buchstäblich nichts zurückgeblieben sind. es war sehr traurig. manche sagen, der sturm sei künstlich durch wettermanipulation erzeugt worden, da dort ein großer us-konzern, der genmanipulierten mais verkauft, eine plantage errichten will. aber das ist nicht bestätigt. jedenfalls ist die gegend dort drei bis vier stunden von mindanao city entfernt. der sturm hat uns also nicht direkt betroffenen, aber ist zu einem unserer arbeitsfelder geworden. wir opfern immer noch zeit, um den opfern dort zu helfen. wir organisieren monatlich veranstaltungen, um spenden für sie zu sammeln. im februar organisiert unser kollektiv ein weiteres soli-konzert für die taifun-opfer mit einem besonderen auftritt von keith mchenry, dem mitbegründer von food not bombs. davor wird er mit verschiedenen politischen gruppen sprechen. darum ist unser kollektiv zur zeit sehr damit beschäftigt, alles vorzubereiten und leute einzuladen.

mit schuld an den verheerenden auswirkungen des sturms scheint auch die radikale abholzung der regenwälder auf den philippinen zu sein, wodurch der sturm „leichtes spiel“ hatte. wie siehst du das?

ja, das ist einer der hauptgründe. diese zerstörerischen aktivitäten – bergbau, waldrodung, der bau von firmenunterkünften und riesige monokulturplantagen – sind hier in mindanao sehr verbreitet. aktivist_innen, die dagegen kämpfen, werden aufgehalten oder sogar getötet. hier sind einige beispiellinks:

bergbaukonzerne:

http://unitedmedianetwork.wordpress.com/the-corporations/

ermordung von aktivist_innen:

http://www.mindanaoexaminer.com/news.php?news_id=20121030021620

wir waren zusammen mit unseren genoss_innen und anderen gruppen in den betroffenen gebieten. wir sahen die vom sturm zerstörten häuser, straßen und stromleitungen. manche menschen haben sogar ihre familien verloren. wir waren dort, um zu kochen und unsere lebensmittel mit ihnen zu teilen. sie kämpfen immer noch.

im herbst 2012 waren philippinische anarchist_innen aus manila auf einer infotour durch deutschland und berichteten von ihrer situation, geschichte und ihren kämpfen. wie schätzt du die anarchistische szene auf den philippinen ein und zählst du den bhsg und eure anderen projekte dazu?

die anarchistische bewegung auf den philippinen ist nicht wirklich groß. aber in manila gibt es gruppen, die zur zeit sehr aktiv sind. sie organisieren treffen, proteste, engagieren sich in der bildung und mischen bei direkten aktionen in den gemeinden mit. einige von ihnen waren vor einem monat hier und sind gute freund_innen von uns. sie waren es auch, die keith mchenry und andere anarchist_innen zu einem treffen im märz eingeladen haben. hier ist eine ihrer websites: http://ebinfoshop.surestepintegral.com

ich sehe bhsg als eine anarchistische infrastruktur. durch diese einfache sache, verbreiten wir die ideen der gleichheit, der gegenseitigen hilfe und der direkten aktion. wir lassen es nicht zu, dass daraus ein hierarchisches, authorititäres und bürokratisches projekt wird. wir stellen uns gegen patriotismus, nationalismus und politische parteien, indem wir die idee der befreiung verbreiten. wir machen radikale musik, politische kunst, leben in kommunen und kämpfen für die revolution. dadurch verbreiten wir ganz einfach die idee des anarchismus. danke!

freeda, ich danke dir für das interview.

wer mit bread homes sharing garden in kontakt treten oder das projekt auf irgendeine art und weise unterstützen will, kann dies über diese email-adresse tun:

mettaforces „at“ gmail „dot“ com

fotos und berichte über den stand des projektes finden sich auf dessen blog: http://breadhomessharinggarden.blogspot.com/

am sonntag, den 7. april, findet ab 11 Uhr  im alarmraum in offenburg ein veganer soli-brunch für bhsg statt.

(das interview wurde im februar 2013 per email geführt. weder der interviewer noch die interviewte sind englische muttersprachler_innen. daraus ergibt sich eine stellenweise holprige übersetzung …)

]]> M31: Interview mit dem Anarchistischen Netzwerk Südwest* in der Sonderausgabe der Gǎi Dào https://nigra.noblogs.org/post/2012/03/23/m31-interview-mit-dem-anarchistischen-netzwerk-sudwest-in-der-sonderausgabe-der-g%c7%8ei-dao/ Fri, 23 Mar 2012 14:37:10 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=621 Weiterlesen ]]>

Heute ist die Sonderausgabe der Gǎi Dào (pdf), der Zeitung des Forums deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) erschienen. Darin führte die Redaktion unter anderem ein Interview mit dem Anarchistischen Netzwerk Südwest* zum geplanten europaweiten Aktionstag gegen den Kapitalismus und den geplanten Protesten in Frankfurt am 31. März.

 “Das ist schonmal ein wichtiger Schritt”

Interview mit dem Anarchistischen Netzwerk Südwest*

In den regionalen Vorbereitungs- und Mobilisierungsbündnissen zum M31-Aktionstag in Frankfurt am Main sticht besonders das Anarchistische Netzwerk Südwest* heraus. Ist es doch das einzige Bündnis, welches unabhängig und weit vor M31 gegründet wurde. Wir sprachen mit Vertreter*innen des Netzwerks über ihr Engagement im M31-Bündnis, ihre Erwartungen und natürlich auch über das Netzwerk an sich.

Erzählt doch kurz etwas über das Anarchistische Netzwerk Südwest. Wie und wann ist es entstanden und was grenzt das “Südwest” ein?*

Das Anarchistische Netzwerk Südwest wurde im Sommer 2010 “offiziell” gegründet und ist aus einer losen Vernetzung libertärer/ anarchistischer Gruppen im “Südwesten” heraus entstanden. Das “Südwest” beschreibt grob den südwestlichen Teil des deutschsprachigen Raumes, also Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz, es bestehen aber auch enge Kontakte in die Nordschweiz und nach Ostfrankreich.

Was waren bisher eure Betätigungsfelder bzw. Aktionen als Netzwerk?

Gestartet sind wir im Frühjahr 2010 mit einer Veranstaltungsreihe zum Thema Arbeit und zur Abschaffung der Lohnarbeit mit Vorträgen und Diskussionen in vielen verschiedenen Städten. Das Ganze lief damals allerdings noch nicht unter dem “Label” des
Netzwerkes, da es dieses zu diesem Zeitpunkt offiziell noch gar nicht gab.
Am 15. Oktober 2011 haben wir im Rahmen eines internationalen Aktionstages eine antikapitalistische, libertäre Demonstration unter dem Motto “Es ist keine Krise – es ist das System!” in Karlsruhe organisiert.
Als Weiterführung dieser Demo und der Krisen-Thematik findet gerade eine Veranstaltungsreihe unter dem selben Motto statt.

Wieso beteiligt ihr euch an M31? Was hat euch an diesem Konzept überzeugt?

Das Konzept von M31 hat uns aus mehreren Blickwinkeln überzeugt. Zum einen die inhaltliche Ausrichtung, also dass es wirklich um eine Kritik am kapitalistischen System als Ganzes geht. Die bisherigen Proteste, die sich inhaltlich auf die Krise bezogen haben, hatten leider immer einen gewissen Rahmen der Kritik und erschöpften sich oft in den Forderungen nach einer “Regulierung” oder “Reformation” des bisherigen Systems, nicht auf dessen Überwindung. Dennoch soll der Aktionstag nicht auf diese – zugegeben ziemlich abstrakte – Ebene beschränkt bleiben, sondern an aktuelle Kämpfe und Proteste vor Ort anknüpfen.
Beispielsweise wird die anarchosyndikalistische ZSP in Polen ihren Schwerpunkt auf Wohnungsnot und Gentrifizierung legen, weil das dort gerade akut ist. Die Demonstration in Frankfurt wird zwar zur Baustelle der europäischen Zentralbank (EZB) ziehen
und diese als politischen Akteur in der aktuellen Krise benennen und kritisieren, dennoch werden weitere Schwerpunkte gelegt, wie etwa die – durch den Bau – kommende Umstrukturierung des Frankfurter Ostends.
Auch die räumliche Nähe zur Großmarkthalle, in der zur NS-Zeit viele Deportationen von Jüd*innen und anderen Gegner*innen der Nationalsozialisten stattfanden, wird thematisiert.
Generell gefällt uns die Idee einer dauerhaften Vernetzung undogmatischer linksradikaler Gruppen und Gewerkschaften aus vielen Ländern, da ist in der Vergangenheit viel zu wenig passiert. Auf eine globale Krise muss die radikale Linke auch mit einer globalen Bewegung reagieren.

In welcher Form beteiligt ihr euch genau an der Mobilisierung und am Aktionstag selbst?

Wir organisieren die gemeinsame Anreise, also Busse und Zugtreffpunkte, aus dem “Südwesten” nach Frankfurt. Darüber hinaus wird es in vielen Städten auch Info- und Mobilisierungsveranstaltungen geben.
Für alle Infos und Termine rund um die M31-Mobilisierung aus dem “Südwesten” haben wir auch extra eine Sonderseite eingerichtet: m31.a-netz.org.

Am Aktionstag selbst beteiligen wir uns natürlich ersteinmal an der Demonstration in Frankfurt, allerdings haben wir natürlich auch die längerfristige Vernetzung im Blick.

M31 versteht sich nicht nur als einzelner Aktionstag, sondern auch als Vernetzung emanzipatorischer Kräfte in ganz Europa über den 31. März hinaus. Was erwartet ihr davon für die Zukunft?

Wie wir vorhin schon erwähnt haben, ist bei der Vernetzung progressiver Kräfte in Europa noch einiges zu tun. Obwohl fast jedes Land – natürlich in unterschiedlichem Maß – von der aktuellen Krise betroffen ist, hat sich noch keine handlungsfähige Gegenbewegung innerhalb der europäischen, radikalen Linken gebildet. Wir haben das Gefühl, dass bisher viel zu sehr im eigenen Sud gekocht wurde, also beispielsweise anarchosyndikalistische Gewerkschaften, föderalistisch-anarchistische Gruppen oder undogmatischkommunistische Bewegungen ihre jeweils eigenen Kämpfe und Aktionsfelder geführt und bearbeitet haben. M31 kann ein erster Versuch sein, die verschiedenen Akteure, Strömungen und Kämpfe zusammen zu führen. Und das nicht nur auf europäischer Ebene, sondern schon weit darunter. Denn wir stellen erfreut fest, dass in manchen Ländern verschiedene progressiven Strömungen am Aktionstag teilnehmen, die sich in der Vergangenheit eher distanziert gegenüber standen. Das ist schonmal ein wichtiger Schritt.

Die Krise zeigt sich in jedem Land in anderen Auswirkungen, genauso wie sich der Protest gegen Krise und Krisenverwaltung jeweils anders darstellen und zusammensetzt. In Deutschland jedoch existieren kaum permanente und breite Proteste gegen die zunehmende Verschärfung der Krise. Wieso denkt ihr ist das so und was könnt ihr als Netzwerk tun, um diese Lethargie aufzubrechen?

Die Frage, wieso besonders in Deutschland progressive Proteste gegen die Krise auf sich warten lassen, ist ziemlich komplex und der Versuch einer ausreichenden Antwort würde den Rahmen hier wohl sprengen.
Ein, aktuell wichtiger Punkt ist zweifelsohne, dass Deutschland aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Position europa- und weltweit (noch) nicht so stark von unmittelbaren Folgen der Krise betroffen ist, als bspw. Griechenland oder Spanien. Es wurden bisher keine großangelegten Sparprogramme verabschiedet, die auf einen Schlag große Teile der Bevölkerung trafen. Natürlich finden wir hier den selben sozialen Kahlschlag, also Abbau von Sozial-, Gesundheits- oder Bildungsleistungen, Entlassungen, Ausbau von prekären Arbeitsverhältnissen usw. wie in vielen anderen Ländern auch. Jedoch trifft es hier immer einzelne Berufszweige oder soziale Schichten. Das fördert die Konkurrenz untereinander und erschwert einen gemeinsamen, solidarischen Kampf.

Auch historisch gibt es mit Sicherheit einige Faktoren die hier eine Rolle spielen, bspw. der Fakt, dass Deutschland noch nie eine “Revolution von unten” erlebt hat, also das politische, soziale und wirtschaftliche Verbesserungen meist von der Regierung (bspw. die Sozialversicherung unter Bismarck) oder von außen (“Demokratie” nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs) durchgesetzt wurden.

Was können wir für 2012 vom Anarchistischen Netzwerk erwarten?

Auf M31 bezogen wollen wir – wie schon gesagt – uns auch nach dem 31. März in der Vernetzung beteiligen. Wie diese Zusammenarbeit im Detail aussehen wird, werden wir nach dem Aktionstag diskutieren müssen, momentan steht dieser erstmal im Vordergrund. Auch unsere “Es ist keine Krise – es ist das System!”-Reihe, die momentan mit inhaltlichen Veranstaltungen läuft, wird mit Sicherheit in irgendeiner Form weitergehen, das planen und diskutieren wir gerade.

Daneben werden wir in den nächsten Monaten noch eine kleine Broschüre herausbringen, die sich an Personen ohne politische Vorkenntnisse richtet und gängige Klischees über den Anarchismus aufgreift und widerlegt. Da stecken wir gerade am Feinschliff und den letzten finanziellen Details. Es haben in den letzten Monaten auch erfreulich viele Gruppen Interesse am Anarchistischen Netzwerk und an der Mitarbeit in selbigem gezeigt. Das bedeutet natürlich auch einiges an interner
Arbeit und Diskussion. Abschließend können wir sagen, dass wir uns auf ein kämpferisches 2012 mit vielen, neuen Mitstreiter*innen freuen.

Was kann ich tun, wenn ich an Zusammen- bzw. Mitarbeit bei euch interessiert bin?

Das Anarchistische Netzwerk Südwest* versteht sich als offenes, aber kontinuierlich arbeitendes Netzwerk. Prinzipiell sind alle Gruppen, die unsere Ansichten und Standpunkte teilen und grob im “Südwesten” anzutreffen sind, herzlich eingeladen, mitzumachen und -arbeiten. Dazu könnt ihr einfach Kontakt zu einer der nächstgelegenen Gruppen aufnehmen. Wo ihr diese findet, könnt ihr am besten auf unserer Website unter a-netz.org nachsehen.

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Ein Garten für alle: „Bread Homes Sharing Garden“ auf den Philippinen https://nigra.noblogs.org/post/2012/01/29/ein-garten-fur-alle-%e2%80%9ebread-homes-sharing-garden%e2%80%9c-auf-den-philippinen/ Sun, 29 Jan 2012 19:47:03 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=477 Weiterlesen ]]> Das gemeinsame Anbauen von Lebensmitteln, das Community Gardening, ist weltweit groß im Kommen. Die Beweggründe der einzelnen Gruppen und Menschen sind vielschichtig. Auf Mindanao, der zweitgrößten Insel der Philippinen, entsteht seit einigen Monaten der Bread Homes Sharing Garden (BHSG) in der Millionenstadt Davao City. Einer der Initiator_innen, Kinabuhi (im lokalen Dialekt bedeutet dieser Name „Leben“), berichtet in diesem Interview nicht nur über das Projekt.

Hallo Kinabuhi, erzähl doch mal was über Dich. Wie kamst Du zu Sharing Garden?

Ich bin ein Aktivist, der sich mit vielen Themen beschäftigt, die sich auf mich und andere Menschen auswirken, wie die Zerstörung der Umwelt, Kriege, kommerzielle Religion, Landaneignung, Unterdrückung, Rassismus und Sexismus in vielen verschiedenen Formen, die Macht der Massenmedien, medizinische Bevormundung und Monopolstellung der Pharmaindustrie, Pestizide, Genmanipulation und natürlich Gesundheits- und Ernährungspolitik. Ich erfuhr viel darüber, wie unsere Lebensmittel mit giftigen Substanzen, die unsere lebenswichtigen Organe schädigen und viele Krankheiten wie Krebs verursachen können, angebaut und produziert werden (Ganz zu schweigen davon, wie abhängig die Lebensmittelproduktion von Pestiziden, fossilen Brennstoffen und der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist.). So entschied ich mich, meine eigenen kleinen Aktionen dazu zu machen. Ich wurde Vegetarier, machte Aktionen gegen Fast Food, Bananenplantagen und das Versprühen von Pestiziden mittels Flugzeugen. Aber nach sieben Jahren änderte ich meine Ansichten über Ernährung und entschied mich wieder Fisch zu essen. Ich war immer noch nicht zufrieden damit, nur ein Konsument zu sein, der Lebensmittel kauft, ohne die Möglichkeit zu haben, sie selbst herzustellen. Neben den Lebensmitteln war ich auch über die Monopole in der Medizin besorgt und wie die Pharmaindustrie ihren synthetischen Medikamenten (wie z.B. Impfstoffen) schädliche Chemikalien und Schwermetalle zusetzt. Das ist der Grund warum viele Menschen, die sie nehmen, noch kranker werden und dann sterben, während zur gleichen Zeit geldgierige Mainstream-Ärzte von dieser Situation profitieren. Und zuletzt fühlte ich mich auch gestört durch internationale Handelsverordnungen wie den Codex Alimentarius*, die unsere Freiheit bedrohen, biologische Lebensmittel anzubauen und uns mit Naturheilmitteln zu behandeln. Darum habe ich zusammen mit einigen meiner Freund_innen beschlossen, die Verantwortung in die eigenen Hände zu nehmen und mit dem Projekt zu beginnen.

Auf den Fotos auf eurem Blog sind fast nur Kinder zu sehen. Ist das Zufall? Wieviele Menschen seid ihr insgesamt?

Nun, ich kann sagen, dass das kein Zufall ist, da die meisten unserer erwachsenen Freund_innen und Nachbar_innen, die daran interessiert sind mitzumachen, noch nicht mit an Bord sind. Im Moment sind wir nur fünf Erwachsene (Die Kinder haben auch bei einigen kleinen Aufgaben mitgeholfen.). Einer der Gründe dafür ist, dass wir noch nicht genug Werkzeuge für viele Helfer_innen haben. Derzeit bearbeiten, kultivieren und mulchen wir den Boden, aber wir haben nur drei nutzbare Werkzeuge. Wir brauchen unbedingt den Zaun, um Tiere davon abzuhalten, reinzukommen und die Pflanzen zu fressen oder zu zerstören. Wenn wir den Schutzzaun und den Wasserschlauch haben, können wir auch mit dem Pflanzen anfangen.

Wann hattest Du und Deine Freund_innen die Idee zu dem Projekt und wie lange dauerte es, sie in die Tat umzusetzen?

Mein Interesse auf einem Biohof zu arbeiten erwachte vor fünf Jahren, aber ich hatte nie den Mut es in die Tat umzusetzen und ich fand auch nicht die richtigen Leute dafür. Dann war ich mit vielen Dingen beschäftigt, die wichtig sind für mein weiteres politisches Engagement, meine Kunst und meine Lohnarbeit. Dazu kommt, dass Community Gardening hier nicht wirklich populär ist. Darum wissen nur sehr wenig Menschen darüber Bescheid. Im August letzten Jahres beeindrucktenuns die wachsenden Anstrengungen in der Welt, die Nahrungsmittel- und Energiekrise zu lösen. Der Codex Alimentarius*, die skrupellosen genetischen Experimente und Monopole der multinationalen Nahrungsmittelkonzerne wie Monsanto begannen uns immer mehr zu beschäftigen. So begannen wir mehr über Bio-Anbau und Community Gardening nachzuforschen und entschieden uns, unsere eigene Gartengruppe zu gründen. Es gibt viel Kraft, das zu tun. Dadurch begannen wir auch uns für andere natürliche Methoden wie Permakultur und biologisch-dynamische Landwirtschaft zu interessieren. Wir wollen versuchen, wenn wir die Chance dazu haben, diese Modelle in der Zukunft auszuprobieren.

In welcher Stadt auf den Philippinen befindet sich Euer Garten? Ist es Euer eigenes Stück Land?

Das momentane (oder zukünftige) Gartengelände liegt in Panorama, Buhangin, Davao City auf der zweitgrößten Insel der Philippinen, Mindanao. Es ist nur von den Nachbar_innen für die Zeit geliehen, in der sie es selbst nicht benutzen. Der Verwalter sagte, dass wir es vielleicht für drei bis fünf Jahre nutzen dürfen, was gut ist! Aber wenn sie es brauchen, werden wir es ihnen jederzeit zurückgeben. Wir versuchen zur Zeit ein zusätzliches Gelände zu finden, dessen Besitzer_in daran interessiert ist, einen Sharing Garden zu gründen und ihn mit anderen Menschen zu teilen. Wir wollen diese Idee so weit wie möglich streuen, so dass es hier in der Zukunft viele Biogärten und aktive Gärtner_innen geben wird! Wir hoffen, dass dieses Projekt viele Gemeinwesen beeinflussen wird, so dass viele Menschen daran arbeiten werden, unsere Freiheit zu schützen, biologische Nahrungsmittel anzubauen und zu essen und Naturmedizin nutzen zu können. Das ist Selbstbestimmung und das ist auch die Essenz von Gemeinschaft für mich.

Warum habt ihr die Gartengruppe gegründet?

Wie ich vorher schon gesagt habe, begannen wir das Projekt, weil wir versuchen wollen, unsere Freiheit zurückzuerlangen, unsere eigenen Lebensmittel speziell auf biologische und ökologisch nachhaltige Art und Weise anzubauen und herzustellen, und auch um den Menschen zu zeigen, dass es viele wunderbare Alternativen zu und Lösungen für die so genannte Lebensmittel- und Energiekrise gibt. Wir versuchen ihnen zu sagen, dass wir es zusammen tun können, dass das Wichtigste ihr politisches Bewusstseinund ihre Teilhabe an allen Ebenen der Entscheidungsfindung in ihrem Gemeinwesen ist. Nicht nur ein selbstvergessenes Opfer zu sein, das abhängig vom System ist und nach mehr bedeutungslosen Belohnungen zu seinem micktigen Lohn bettelt. Wir wollen als Beispiel fungieren, das sich langsam von der uns entmenschlichenden Wirtschaftsmaschinerie ablöst. In kleinen Schritten und nach unseren Möglichkeiten. Darum ist für uns die sinnvollste Antwort auf diese Herausforderung das Anbauen unserer eigenen Nahrungsmittel und diese mit den Bedürftigen, die dann vielleicht im Gegenzug an Bord kommen, zu teilen,. Wir haben uns daran gestört, wie unsere Leben zerstört werden von Leuten, die Gift sind für unsere Psyche, wie diese Leute in alle Bereiche unseres Lebens, unserer Gesundheit und unseres Wohlergehens eingedrungen sind. Ein Beispiel sind die allgegenwärtigen, giftigen Chemikalien, die den meisten verarbeiteten Lebensmitteln und den Medikamenten, die überall im Supermarkt erhältlich sind, zugesetzt sind. Dieser kranken Realität sind sich die meisten Menschen nicht bewusst. Wir entschlossen uns zu diesem Projekt, weil wir damit konfrontiert wurden, wie genmanipulierte und künstliche Lebensmittel den Markt dominieren und wie die Mehrheit das unglaublicherweise in den Fast Food-Ketten und sogar in ihren eigenen Küchen hinnimmt. Und zuguterletzt weil wir besorgt sind, wie die medizinische Tyrannei, z.B. die der Krebsindustrie*, immer effizienter darin wird, die Zukunft der Medizin und des Wohlergehens der Menschen im Allgemeinen, zu lenken.

Was für Ziele verfolgt ihr mit BHSG?

Das Ziel von BHSG ist zuerst, Selbstversorgung und Unabhängigkeit von der kapitalistischen Lebensmittelindustrie durch die Bildung einer lokalen Gemeinwesenswirtschaft des Teilens und des Lebensmittelanbaus zu schaffen. Ein anderes ist es, Erkenntnisse über Gesundheit und geeignete Alternativen zu den aktuellen Modellen der Lebensmittelproduktion, die stark von fossilen Brennstoffen und agrochemischen Giften abhängig ist, zur Verfügung zu stellen. Wir müssen diesen Zustand so schnell wie möglich beenden, da er die Umwelt, die Luft, das Wasser und natürlich die Menschen vergiftet. Was da passiert, ist unglaublich tragisch und entmutigend. Das dritte Ziel ist, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, wo wir selbst und andere verschiedene Methoden und Anwendungsmöglichkeiten des biologischen Anbaus lernen können. So können wir unser Wissen mit anderen Menschen und Gruppen teilen, die einen Sharing Garden gründen wollen. Aber natürlich sind die dringendsten Ziele die Bereitstellung von Werkzeugen und von aktiver Mitwirkung (und auch Inspiration!) für die, die in ihrem Hinterhof oder wo auch immer biologischen Anbau praktizieren wollen. Wir werden in dieser Stadt ein Netzwerk von Gardening Communities gründen, die biologisch anbauen, und gleichzeitig werden wir den Wert des Teilens unter die Leute bringen!

Wie arbeitet ihr? Gibt es einen Obergärtner? Seid ihr alle Laien?

Bis jetzt hat niemand von uns ernsthafte Erfahrungen mit Lebensmittelanbau. Aber wir haben alle zuvor schon versucht etwas anzubauen und ich persönlich glaube, dass es nicht so schwer zu erlernen ist. Es ist eine Herausforderung herauszufinden, wie wir uns wieder mit der Natur verbinden und wie wir einen respektvollen Umgang mit ihr finden können. Wir müssen mit Umsicht dem Land und der Natur selbst zuhören. Dann werden wir ihre Schönheit und ihren Reichtum genießen können. Zusätzlich versuchen wir Hierarchie und Autoritarismus in der Organisierung sichtbar zu machen. Darum vermeiden wir meistens zentralistische Ansätze der Entscheidungsfindung. Was die aktuelle Arbeit angeht, versuchen wir die jungen Mitglieder in allen ihren angestrebten Handlungen zu respektieren, solange sich diese nicht negativ auf das Projekt auswirken oder andere Helfer_innen betreffen. Z. B. lassen wir sie selbst entscheiden, welche Arbeit oder welche Aufgabe sie übernehmen wollen. Während der Arbeit steht es ihnen frei zu spielen und es einfach nur zu genießen mit anderen Menschen zusammen zu sein. Also geht es nicht nur darum, ein Ziel zu erreichen, sondern auch zu versuchen, sich der wertvollen Erfahrungen, die das Projekt mit sich bringen wird, bewusst zu werden und die anderen Mitwirkenden in diesem Prozess zu unterstützen.

Seid Ihr mit anderen Projekten auf den Philippinen oder weltweit vernetzt? Ihr bezieht Euch auf das Sharing Garden Project von Llyn Peabody und Chris Burns in Oregon, USA. Wie kam es zu dem Kontakt?

Irgendwie ja! Eigentlich übernahmen wir die Idee des „Sharing Garden“ von ihnen. Wir lasen im Internet das Interview mit ihnen über ihr wunderbares Projekt in Oregon, und es war wirklich inspirierend für uns, zu sehen, wie motivierend es für das Gemeinwesen ist. Wir glauben, dass es wirklich wichtig ist, die biologische Landwirtschaft als eine Lösung der Probleme Hunger, Unterernährung und Saatgut-Monopole zu etablieren. Danach besuchten wir ihre Internetseite und versuchten über E-Mail in Kontakt mit ihnen zu kommen und ihnen einige Fragen zu unserem Plan, ein Community Gardening Projekt zu starten, zu stellen. Sie antworteten mit einigen ermutigenden Worten und der guten Nachricht, dass sie uns biologisches Saatgut spenden wollen. Das war der Beginn unseres Briefwechsels.

Wie wichtig ist das biologische Landwirtschaften für Euch? Gibt es eine nennenswerte Bio-Szene auf den Philippinen? Könnt Ihr da auf Erfahrungen von anderen zurückgreifen?

Biologischer Anbau ist sehr wichtig, weil wir uns nur so wieder mit der Natur und dem Leben in Bezug auf Lebensmittel und unser Überleben verbinden können. Und es ist der einzige Weg, das Land und die von ihm abhängigen Lebewesen, zu denen auch wir Menschen gehören, zu heilen. Wenn die Menschen nicht aufhören mit den derzeitigen Öl und giftige Chemikalien verbrauchenden Methoden der Landwirtschaft, die von verschiedenendavon profitierenden Konzernen und Regierungsinstitutionen eingeführt wurden, wird die Zukunft für die kommenden Generationen ziemlich düster sein. Ich habe gesehen, wie Pestizide und andere Chemikalien den Boden trocken und leblos zurücklassen. Viele Menschen wissen, dass die pestizidproduzierende Industrie viele Gegenden der Erde zerstört hat. In Indien begehen noch heute viele Bäuer_innen Selbstmord, weil sie sich angesichts der Tragödie, die ihnen diese Art der Landwirtschaft gebracht hat, völlig hilflos fühlen. Die Natur und der Boden brauchen so lange Zeit, um zu dem zu werden was sie sind, aber sie sind schnell zerstört. Wir müssen auf den Weg des biologischen Anbaus zurückkehren, zu unserem natürlichen, nicht künstlichen Leben. Ich kenne nur sehr wenige Nichtregierungsorganisationen und Bäuer_innen, die Methoden des biologischen Landbaus für sich selbst und für ihr Einkommen nutzen. Einige von ihnen sind hier in dieser Stadt und arbeiten zu verschiedenen Themen, oder helfen Bäuer_innen im Rahmen einer Kampagne, faire Preise für ihre Produkte zu bekommen und bekannter zu werden. Einige von uns machen bei dieser Kampagne mit, weil sie den Fokus auf Landrechte, Lebensmittelsicherheit, ökologische Nachhaltigkeit usw. richtet. Bei manchen Themen helfen wir uns gegenseitig, aber noch nie in Bezug auf die Gründung eines Community Garden Projektes. Vielleicht ist dies der Anfang. Ich denke, wenn die Finanzierung für das Projekt steht, werden wir mit Hilfe der Gruppen in dieser Kampagne ein Programm von Workshops und Trainings erstellen. Es wäre auch hilfreich, verschiedene biologische Bauernhöfe hier auf den Philippinen zu besuchen und dort zu arbeiten, um viele wichtige Dinge von ihnen zu lernen oder eine Verbindung zu der Kampagne herzustellen. Tatsächlich sind viele Gruppen in diese Kampagne involviert, wie z.B. „Go organic! Philippines“. Ich fand im Internet viele zertifizierte Öko-Bauernhöfe und Verkaufsstellen, aber ich bin mir nicht wirklich sicher, wie groß die Szene hier ist. Ich weiß, dass die philippinische Regierung auf den Öko-Zug aufgesprungen ist und versprochen hat, Programme zu schaffen, die Bäuer_innen darin unterstützen, biologische Landwirtschaft zu betreiben. Aber tatsächlich tut sie nur so. Für die Düngemittelindustrie bedeutet dies, dass sie so weitermachen kann wie bisher. Sie benutzt vielleicht genmanipulierte und pestizidverseuchte Stoffe, um ihre überteuerten sogenannten biologischen Dünger herzustellen.

Der Garten ist für Euch mehr als nur ein Ort, an dem Ihr Essen anbaut. Welches Potenzial seht Ihr in ihm und welche Hoffnungen verbindet ihr mit ihm?

Ja, die Gartenarbeit ist für uns nicht nur das Anpflanzen und Ernten von frischen Lebensmitteln. Sie ist für uns natürlich auch die Möglichkeit, neue Menschen und verschiedene Aspekte des Lebens kennenzulernen. Wir wissen alle, dass die Menschen ohne Land nicht leben können. Ist das Land zerstört oder tot, können wir keine gesunden Lebensmittel produzieren und nicht überleben. In unserem Projekt lernen wir die Verantwortung für den Boden zu tragen und das Land und die Natur zu respektieren. Es geht auch darum, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen treffen und sich über die wundervollen Dinge des Lebens austauschen. Und bei BHSG geht es darum, zu lernen, sich von den Fesseln der kapitalistischen Landwirtschaft zu lösen. Abgesehen davon sehen wir das Projekt als eine Möglichkeit, mit den beteiligten Menschen über Persönliches bis hin zu sozialen und politischen Fragen zu diskutieren. Während sich das Projekt entwickelt, werden wir viele verschiedene Aspekte in Bezug auf Gesundheit, Umwelt, Geschlecht, Rassismus und vieles mehr kennenlernen. Wir werden regelmäßig Workshops und Diskussionen durchführen um unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten weiter zu entwickeln. Um es nochmal deutlich zu sagen: Wir bauen nicht nur Lebensmittel an, sondern uns sind viele andere Fragen ebenso wichtig. Uns geht es bei unserem Projekt darum, ein gesundes Gemeinwesen zu entwickeln. Das ist die größte Hoffnung, die in diesen Tagen unser Herz am lautesten jubeln lässt.

Wie seht Ihr die weitere Entwicklung Eures Projektes?

Im Moment denke ich, wie es der Grundstücksverwalter schon sagte, dass wir das Gelände für drei bis fünf Jahre nutzen dürfen. Es wäre gut, wenn es so lange klappen würde, aber wir werden unsere Vision, viele solche Plätze schaffen zu helfen, nicht vergessen. In der Zukunft wird der Sharing Garden allgegenwärtig sein und dabei helfen, die Verbindungen zwischen den Gemeinwesen zu stärken.

Die Philippinen waren Kolonie von Spanien und später auch der USA. Einige Jahre waren sie von Japan besetzt. Heute ist die Politik auf den Philippinen eng mit der der USA und anderer westlicher Länder verbunden, was sich natürlich auch auf die Wirtschaft auswirkt. Kannst Du etwas zu den Auswirkungen dieser Verflechtungen berichten?

Bis heute durchdringen diese Überbleibsel der Kolonialzeit jeden Aspekt des Lebens auf den Philippinen. Du kannst immer noch die Einflüsse dieser Länder auf die Politik und die Kultur sehen. Wirtschaftlich gesehen kämpfen die einfachen Leute jeden Tag darum, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Sie müssen ihre Zeit verkaufen, nur um leben zu können und sich selbst und ihre Familien am Leben zu erhalten. Und sie sind ständig im Einsatz für ihren Job. Manche Menschen müssen im Ausland arbeiten, um einen höheren Lohn zu erhalten. Andere lassen sich auf illegale Machenschaften ein, nur um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Von der Regierung gibt es nur sehr wenig Alternativen. Und da viele reiche Menschen viel brachliegendes Land besitzen, ist es für die meisten Leute nicht leicht, ein Projekt ins Leben zu rufen, das Nachhaltigkeit oder ein einfaches naturverbundenes Leben sichert. Traurigerweise zerstörten verschiedene von der kapitalistischen Regierung und sogar von den kommunistischen Parteien unterstützten Programme und Geschäfte nicht nur das Land, sondern auch die Zukunftshoffnungen der jungen Generation.

Was können wir Menschen hier in Deutschland tun, um Euch in Eurem Projekt zu unterstützen?

Ich denke, es gibt viele Wege, dieses Projekt zu unterstützen. Z. B. kann mensch uns helfen, biologisches Saatgut zu finden, um es für die Zukunft zu bewahren. Ihr könnt uns auch Links zu Internetseiten schicken, auf denen wir viele verschiedene Methoden des biologischen Anbaus kennenlernen können. Aber im Moment ist das Projekt noch nicht ganz Realität geworden, da wir erst begonnen haben. Wir brauchen finanzielle Unterstützung, um die wichtigen Werkzeuge und Materialien zu besorgen und die Programme fortzusetzen, die das Projekt gedeihen lassen. Als Vollzeitaktivist_innen, die auch noch zu anderen Themen tätig sind, brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung, um den Sharing Garden und die anderen Projekte finanzieren zu können. Wir erarbeiten für dieses Jahr (und hoffentlich darüber hinaus!) ein Trainingsprogramm über verschiedene Arten des Aktivismus, Organisation und Projektmanagement. Wir wollen Räumlichkeiten im sehr gut erreichbaren Stadtzentrum anmieten. Dort wollen wir alternative Veranstaltungen zu wichtigen sozialen und politischen Fragen anbieten. Es wird ein Platz für Menschen sein, die Zugang zu verschiedenen Arten von Informtionen und Medien haben wollen, um zu forschen und Aktionen zu planen. Gleichzeitig wird es ein Laden sein, in dem Menschen aus den verschiedenen Stadtteilen die unterschiedlichsten lokal produzierten biologischen Produkte und Naturmedizin erwerben können. So braucht es unsere volle Zeit und Arbeit, und wir brauchen Unterstützung, da wir versuchen unsere persönliche Lohnarbeit für diese wunderbaren Projekte aufzugeben.

Danke für das Interview, Kinabuhi.

Danke und viel Kraft für Euch!

Wer mit Bread Homes Sharing Garden in Kontakt treten oder das Projekt auf irgendeine Art und Weise unterstützen will, kann dies über diese E-Mail-Adresse tun: organic_city „at“ yahoo „punkt“ com

Fotos und Berichte über den Stand des Projektes finden sich auf dessen Blog: http://breadhomessharinggarden.blogspot.com/

Am Sonntag, den 5. Februar findet ab 11 Uhr  im Alarmraum in Offenburg ein veganer Soli-Brunch für BSHG statt.

*Recherchen zu den im Interview verwendeten Begriffen „Krebsindustrie“ und „Codex Alimentarius“ führen mensch schnell auf dubiose Verschwörungstheorieseiten mit haarsträubenden Inhalten. Mir ist dies bewusst. Die Herangehensweise an diese stark aufgeladenen Begriffe sollte eine sachliche, kritische und emanzipatorische sein. Die Pharmaindustrie und Lebensmittelkonzerne richten de facto großen Schaden besonders in armen Ländern an.

(Das Interview wurde Ende Januar per E-Mail geführt. Weder der Interviewer noch der/die Interviewte sind englische Muttersprachler_innen. Daraus ergibt sich eine stellenweise holprige Übersetzung …)

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