Übersetzung – n i g r a https://nigra.noblogs.org anarchistisch / optimistisch / dunkelschwarz Thu, 18 Feb 2021 07:36:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 https://nigra.noblogs.org/files/2017/08/cropped-still-loving-linksunten-32x32.png Übersetzung – n i g r a https://nigra.noblogs.org 32 32 10 Jahre tunesische Revolution: aktueller Text auf SchwarzerPfeil https://nigra.noblogs.org/post/2021/02/18/10-jahre-tunesische-revolution-aktueller-text-auf-schwarzerpfeil/ Thu, 18 Feb 2021 07:36:46 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=3179 Weiterlesen ]]> Im Januar 2011 erlebte Tunesien eine Revolution, die sich zum sogenannten arabischen Frühling ausweitete und bis heute Nachbeben erzeugt.

Ich habe damals einige Texte dazu geschrieben [1, 2, 3, 4, 5], das Thema dann aber aus den Augen verloren.

Auf SchwarzerPfeil ist nun eine lesenswerte Übersetzung eines aktuellen CrimethInc.-Textes erschienen. Geschrieben hat ihn ein*e Tunesier*in.

 

 

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DIY-Masken – Selbstorganisierter Schutz. Für euch selbst und alle anderen. https://nigra.noblogs.org/post/2020/03/28/diy-masken-selbstorganisierter-schutz-fuer-euch-selbst-und-alle-anderen/ Sat, 28 Mar 2020 12:57:33 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2903 Weiterlesen ]]> [Diesen Text habe ich aus dem Englischen übersetzt. Diese, die spanische Originalversion und Kontaktmöglichkeiten findet ihr hier. Eine Druckvorlage findet ihr hier.]

Disclaimer:
Natürlich gibt es keine Garantie, dass die Benutzung von DIY-Ausrüstung absolute Sicherheit vor Covid-19 bietet!
Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten keine selbstgemachten Masken benutzen (da mit ihnen das Atmen anstrengender ist)!

Zufammenfassung:

  • Selbstgemachte Gesichtsmasken tragen dazu bei, die Verbreitung der Infektion zu verlangsamen.
  • Jeder Stoff ist besser als gar keiner, aber nichtgewebte Textilien filtern besser.
  • Du musst die beste Balance zwischen Filterung und Atmungsaktivität herausfinden.
  • Ein guter Sitz der Maske ist wichtig.
  • Benutze die Maske korrekt.
  • Wasche deine Hände und praktiziere social distancing.
  • Wir schaffen das nur gemeinsam!

Warum Masken?

Zuallererst wollen wir einige Dinge, die wir immer noch hören, klarstellen: Hoffentlich müssen wir an diesem Punkt niemensch mehr davon überzeugen, dass Covid-19 nicht nur “wie eine Grippe” ist. SARS-CoV-2 ist nicht das Produkt der biologischen Kriegsführung (Andersen et al. 2020) und es scheint keine Anzeichen dafür zu geben, dass er von der schwangeren Mutter auf den Embryo übertragen wird (Stower 2020). Zum Glück gibt es ein paar effektive Maßnahmen, die uns dabei helfen können, uns selbst und andere zu schützen – so schwer die Situation auch ist, sowohl in der öffentlichen Gesundheitsversorgung als auch bei den nun noch sichtbarer werdenden sozialen Ungleichheiten. Also, bleib zuhause und wenn du mal nach draußen gehen musst, um etwas zu besorgen, trag eine Maske (und wasche natürlich deine Hände!). In diesem Dokument haben wir Informationen über die Herstellung von DIY-Masken zusammengetragen.

Mit der allgemeinen Verknappung von Masken, auch im professionellen Bereich, wurde das Selbermachen von Masken in wenigen Tagen ein sehr populäres Thema (z. B. #millionmaskchallenge).

Aber lasst uns mal einen Blick darauf werfen, ob wir Masken tragen sollten oder nicht. Viele Menschen sind verwirrt über die etwas unklaren Verlautbarungen der Gesundheitsbehörden der letzten Wochen. Die Behörden haben die Behauptung aufgestellt, dass Masken für die allgemeine Öffentlichkeit eher nutzlos wären. Es ist wahr, dass eine falsch getragene Maske kontraproduktiv sein kann, aber wir vermuten, dass die Absicht dahinter war, das Horten von Masken durch eine in Panik geratene Bevölkerung zu verhindern und so mehr Material für den Gesundheitssektor zu sichern (das macht durchaus Sinn!).

Wie auch immer, wir empfehlen, dass zu einem verantwortlichen Gebrauch von Gesichtsmasken ermutigt werden sollte, weil Masken ein kleines bisschen die Person schützen, die sie trägt und in einem höherem Maß die sie umgebenden Menschen, falls die tragende Person infiziert ist (und da der Anteil der infizierten Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt, gehörst du wahrscheinlich zu dieser Gruppe). Darum wäre es am besten, wenn JEDE*R eine Maske tragen würde (Bin-Reza et al. 2012, Davies et al. 2013, MacIntyre et al. 2009, van der Sande 2008). Also, wenn du zu den “glücklichen” Besitzer*innen einer professionellen Maske gehörst, trage sie. Noch besser, spende sie einem Krankenhaus, Gesundheitszentrum, Pflegeheim oder einer ähnlichen Einrichtung. Dort werden sie sehr gebraucht. Wenn du nicht nähen kannst, schließe dich mit Menschen zusammen, die dir dabei helfen können.

Denk dran: Das Wichtigste ist nach wie vor eine korrekte Handhygiene und deine Augen, Nase und deinen Mund nicht zu berühren! Aber Masken sind auch hier gut, denn wenn du sie trägst, berührst du nicht so oft dein Gesicht.

  • Masken selber herzustellen ist sehr sinnvoll, weil die Produktion von Masken nicht die globale Nachfrage befriedigen kann.
  • Du solltest keine professionellen Masken für den privaten Gebrauch kaufen! Sie sollten für den medizinischen und pflegerischen Bereich und Risikogruppen reserviert sein.
  • Es wäre gut, wenn alle Menschen, die mit Risikogruppen (z. B. in Pflegeheim) arbeiten oder die viel Kontakt zu Menschen haben (z. B. in Supermärkten, Busfahrer*innen), immer eine Maske tragen könnten.
  • Da es schon eine krasse Knappheit in Krankenhäusern in stark betroffenen Gegenden gibt, macht es auch Sinn, sie zuhause für medizinisches Personal (und auch für alle anderen Krankenhausangestellten, die, weil sie nicht an “vorderster Front” arbeiten, kein Schutzmaterial erhalten) herzustellen, auch wenn es Bedenken wegen der Qualität und Probleme mit der Bürokratie geben sollte.

Wie reduziert eine Maske das Infektionsrisiko für über die Luft übertragene Krankheiten?

  • Sie filtert die Luft, die du atmest.
  • Sie hindert deine Partikel daran, auszutreten, wenn du niest oder hustest.
  • Sie bewahrt dich davor, deinen Mund oder deine Nase zu berühren.

Die Maske als ein Filter

Viren sind SEHR klein (0,1 μm, das ist 1000 mal dünner, als ein menschliches Haar). Wir gehen intuitiv davon aus, dass DIY-Masken dagegen nicht helfen werden. Aber Filter funktionieren, auch wenn sie Löcher haben, die wesentlich größer sind als ein Virus. Und zwar aus zwei Gründen: 1. Viren fliegen nicht allein durch die Gegend. Sie reisen normalerweise in den Tröpfchen, die beim Niesen, Husten und Sprechen ausgestoßen werden (1-1000 μm im Durchmesser) (Han et al. 2013). Wenn sie groß sind, können diese Tröpfchen viele Viren enthalten, werden aber auch effektiv von Masken herausgefiltert. (Rengasamy et al. 2010). Auf der anderen Seite werden auch sehr kleine Partikel (<0.3 μm) überraschend gut herausgefiltert. Das scheint nicht logisch zu sein, aber nach physikalischen Gesetzen (für Nerds: Brown’sche Molekularbewegung) bewegen sich mikroskopisch kleine Partikel im Zickzackkurs, weil sie die ganze Zeit mit den Molekülen in der Luft zusammenstoßen. Darum fangen die Fasern des Filtermaterials ganz einfach sehr viele kleine Partikel ein. Wie auch immer, Partikel, die ziemlich genau 0.3 μm klein sind, sind sehr schwer zu filtern. Professionelle Filter werden dafür elektrostatisch aufgeladen. Aber wir fangen immerhin die anderen Partikel und reduzieren damit die allgemeine Virenlast. Mehr nützliche Informationen über Filtern und DIY-Masken: https://smartairfilters.com/en/blog/category/coronavirus/

Es gibt unendlich viele in Frage kommende Materialien und ohne eine korrekte Ausrüstung ist es unmöglich, die wirkliche Filter-Effektivität von Haushaltsmaterial zu bestimmen. Sei vorsichtig beim Auswählen des Materials: Gewebte Textilien, deren Struktur aus einem regelmäßigen Netz von Fasern besteht, haben sehr große Löcher, die wie Portale für Viren sind (Bild 1).

Bild 1: Foto von Baumwollgewebe bei einer 40-fachen Vergrößerung

Viel bessere Filter sind nichtgewebte Textilien (Vlies), wo die Fasern nach dem Zufallsprinzip verbunden sind (Bilder 2, 3 und 4). Professionelle Filter werden aus solchen Materialien hergestellt. Eine weitere Möglichkeit, die Effektivität der Maske zu steigern, könnte sein, das Filtermaterial oder die Maske in eine Salzlösung (30 g/l) zu tauchen. Beim Trocknen bleiben Mikrosalzkristalle im Stoff zurück, die die Viren durch osmotischen Druck zerstören (Quan et al. 2017).

Wenn du die Maske zuhause herstellst, musst du immer die Balance zwischen Luftdurchlässigkeit und Filtereffektivität finden. Wenn du nicht durch das Material atmen kannst (z. B. Backpapier, wie in manchen Videos vorgeschlagen wird), kommt die Luft zu den Seiten herein und deine Maske wird dich nicht schützen!

Bild 2: Einwegreinigungstuch #1 in 40-facher Vergrößerung

Bild 3: Einwegreinigungstuch #2 in 40-facher Vergrößerung

Bild 4: Reinigungstuch (mit Mikrofasern), waschbar bei 60°C

Kleine Partikel reisen nicht so weit, aber hängen für einige Zeit in der Luft. Wegen dieser Partikel ist es wichtig, die Sicherheitsdistanz (mind. 1-2 m) einzuhalten und Gemeinschaftsräume zu lüften.

Anhand der Informationen, die wir gesammelt haben und unter Berücksichtigung der zur Zeit vorhandenen Materialien (in Spanien und anderen Ländern ist es nicht möglich, das Haus zu verlassen und die meisten Läden mit Ausnahme von Lebensmittelläden und Apotheken sind geschlossen) schlagen wir vor, Masken, die die Nase und den Mund am effizientesten bedecken, mit folgenden Materialien herzustellen (siehe Links zu den Vorlagen) :

1. Außenseite:
Nichtelastischer Baumwollstoff (Tücher, Bettlaken, Stofftaschen sind gut. T-Shirt-Stoff oder ähnliches sollte nicht verwendet werden.)

2. Innenseite:
a) Wiederverwendbare Filter, die gewaschen und genäht werden können (dicke Einlagen/Wattierung falls vorhanden, gelbe “Vileda”-Tücher oder ähnliche Mikrofasern).
b) Einwegfilter, die sicher entsorgt werden können (Einwegreinigungstuch, Küchenpapiertücher, trockene Babytücher. Kauf nicht die parfümierten: der Geruch kann schwer zu ertragen sein. Versuch, durch das Material zu atmen. Staubsaugerbeutel oder Filtermaterial für Staubsauger, Backöfen oder Klimaanlagen (HEPA, MERV 13+, F7+…) können verwendet werden, aber wir haben das nicht ausprobiert.

Zusätzliche Informationen zu Filtern:
https://smartairfilters.com/en/blog/best-materials-make-diy-face-mask-virus/

Sehr gutes Video (außer die Stelle, wo die Überlebenszeit von Viren in Textilien genannt wird. Das ist nicht bewiesen.):
facebook.com/smartairfilters/videos/1097078063991680/?ref=tahoe

Komfort und Handhabung

Bevor du dich für einen Filter entscheidest und los nähst oder raus gehst, kontrolliere, ob du durch ihn atmen kannst. Grundlegend für den Komfort ist die Leichtigkeit oder die Schwierigkeit der Atmung mit der Maske. Es ist normal, dass du dich beim Atmen ein wenig mehr anstrengen musst (sonst würde die Maske wenig filtern), aber nicht so viel, dass du Schwierigkeiten hast, sie über längere Zeit zu tragen. Das kann sehr gut mit dem Filtermaterial reguliert werden (Art des Materials und Anzahl der Schichten). Das ist sehr wichtig bei Kindern, wo eine Balance zwischen Filterung und Komfort gefunden werden muss, so dass sie die Maske nicht abnehmen.

Der Sitz von Gesichtsmasken ist der Schlüssel zu ihrer Effektivität. Versuche, die Kanten der Maske so eng anliegend wie möglich zu machen, so dass oben und an den Seiten keine Luft durchkommen kann (Guha 2017). Ein Draht kann über der Nase eingearbeitet werden, um den Sitz zu verbessern. Gleichzeitig soll das Tragen der Maske bequem sein. Das ist essentiell, damit die Leute die Maske nicht abnehmen, während sie unterwegs sind. DIY-Masken können bequemer als gekaufte sein, vor allen Dingen für Kinder und bei nichtdurchschnittlichen Kopfformen. Es ist Zeit, Bärte zu rasieren, da sie den Sitz von Gesichtsmasken erschweren.

Brillenträger*innen haben einen Vorteil: Sie können sie über der Maske tragen und so den Sitz auf der Gesichtskontur verbessern (Die größten Lücken sind normalerweise zwischen Wangen und Nase). Um das Beschlagen der Brillengläser zu reduzieren, kannst du Rasiercreme oder feste Seife auf die Gläser auftragen und wieder mit einem weichen Tuch abwischen, wenn sie getrocknet ist.

Einmal aufgesetzt, darf die Maske an der Außenseite nicht mehr berührt werden, bis du sie wieder absetzt. Davor und danach: Immer die Hände waschen. Wir empfehlen, die Masken nach dem Tragen mit Seife zu waschen, um evtuell anhaftende Viren zu entfernen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Masken 48-72 Stunden auslüften zu lassen. Auch wenn es gerade wenig bestätigte Informationen darüber gibt, wie lange der Virus auf Textilien überlebt, wird das wahrscheinlich nicht so lange sein, wie auf anderen Materialien wie Stahl oder Plastik (wo er bis zu neun Tages aktiv bleiben kann! Siehe Bild 5, nächste Seite).

Die Maske sollte während der Benutzung nicht entfernt oder gelockert werden. Sei vorsichtig, wenn du sie entfernst. Die, die hinter dem Kopf festgemacht werden, sollten mit dem Gummiband der Unterseite nach oben und vorne entfernt werden. Fass dein Gesicht nicht mit dreckigen Händen an. Wasch deine Hände, bevor du die Maske entfernst (https://www.youtube.com/watch?v=6H_nHEZtjuM9), ebenso deine Hände und dein Gesicht gleich nach dem Entfernen der Maske. Hier ist ein Video, das zeigt, wie eine professionelle Maske getragen wird: https://www.youtube.com/watch?v=zoxpvDVo_NI

Abschließend wollen wir sagen, dass wir es toll fänden, wenn alle raus gehen könnten, um zu genießen, um zu leben aber auch um einen Wechsel des bestehenden soziopolitischen Systems zu fordern, das – den Virus mal beiseite lassend – verantwortlich für das Drama ist, das viele Menschen in diesem Moment in Bezug auf die Gesundheit erleben müssen, aber auch in anderen Bereichen der Lebensqualität. Vielleicht wird diese Krise uns helfen, Gesellschaft neu zu denken und die wichtigen Dinge schätzen zu lernen. Wie auch immer: Wenn das hier vorbei ist, werden die anderen Probleme in der Welt nicht plötzlich auf magische Art und Weise verschwinden. Also müssen wir uns organisieren!

Bild 5: Überlebenszeit verschiedener Coronaviren außerhalb des Körpers auf verschiedenen Oberflächen (Kampf, 2020)

Links mit Vorlagen
(es gibt viele!!)

Unser Favorit: Vorlage in verschiedenen Größen mit oder ohne Tasche für Filtermaterial (wir empfehlen das Modell mit Tasche), die zwei Möglichkeiten beschreibt, sie festzumachen.

Sie ist sehr bequem und sitzt sehr gut – noch besser, wenn du den Draht über der Nase hinzufügst, bevor du sie anziehst: https://www.craftpassion.com/face-mask-sewing-pattern/

Wie haben sie so gemacht:

Andere Modelle:
https://www.youtube.com/watch?v=eLOh8AoXvcI
https://www.instructables.com/id/DIY-Cloth-Face-Mask/
https://netzpolitik.org/2020/basteln-ist-gut-fuer-die-gesundheit/

Mund-Nasen-Schutz:
https://mustsharenews.com/cloth-face-mask/
https://www.youtube.com/watch?v=S9RWII2-5_4
https://www.radioessen.de/files/pdf1/schnittmuster-und-anleitung-fuer-atemmaske_feuerwehr-essen.pdf

Ein ernsthafterer Versuch, Schutzausrüstung in Krankenhausqualität herzustellen:
https://open-mask.org/
http://www.fabulous.com.co/blog/3d-printed-x-factor-mask-covid-19-fabulous-tech-center-proposal/
Anderes Schutzmaterial wie OP-Kittel, OP-Mützen u.ä.
wird vielleicht auch bald gebraucht werden.

Literatur

Andersen KG, Rambaut A, Lipkin WI, et al (2020) The proximal origin of SARS-CoV-2. Nat Med 1–3. https://www.nature.com/articles/s41591-020-0820-9
Bin-Reza F, Lopez Chavarrias V, Nicoll A, Chamberland ME (2012) The use of masks and respirators to prevent transmission of influenza: a systematic review of the scientific evidence. Influenza Other Respir Viruses 6:257–267. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/j.1750-2659.2011.00307.x
Davies A, Thompson K-A, Giri K, et al (2013) Testing the efficacy of homemade masks: would they protect in an influenza pandemic? Disaster Med Public Health Prep 7:413–418. https://sci-hub.tw/10.1017/dmp.2013.43
Guha S, McCaffrey B, Hariharan P, Myers MR (2017) Quantification of leakage of sub-micron aerosols through surgical masks and facemasks for pediatric use. Journal of Occupational andEnvironmental Hygiene 14:214–223. https://sci-hub.tw/10.1080/15459624.2016.1237029
Han ZY, Weng WG, Huang QY (2013) Characterizations of particle size distribution of the droplets exhaled by sneeze. J R Soc Interface 10: https://sci-hub.tw/10.1098/rsif.2013.0560
Kampf G, Todt D, Pfaender S, Steinmann E (2020) Persistence of coronaviruses on inanimate surfaces and their inactivation with biocidal agents. Journal of Hospital Infection 104:246–251. https://www.journalofhospitalinfection.com/article/S0195-6701(20)30046-3/fulltext
Lawrence RB, Duling MG, Calvert CA, Coffey CC (2006) Comparison of performance of three different types of respiratory protection devices. J Occup Environ Hyg 3:465–474. https://sci-hub.tw/10.1080/15459620600829211
MacIntyre CR, Cauchemez S, Dwyer DE, et al (2009) Face Mask Use and Control of Respiratory Virus Transmission in Households. Emerg Infect Dis 15:233–241. https://sci-hub.tw/10.3201/eid1502.081167
Quan F-S, Rubino I, Lee S-H, et al (2017) Universal and reusable virus deactivation system for respiratory protection. Sci Rep 7:1–10. https://sci-hub.tw/10.1038/srep39956
Rengasamy S, Eimer B, Shaffer RE (2010) Simple Respiratory Protection—Evaluation of the Filtration Performance of Cloth Masks and Common Fabric Materials Against 20–1000 nm Size Particles. Ann Occup Hyg 54:789–798. https://sci-hub.tw/10.1093/annhyg/meq044
Stower H (2020) Lack of maternal–fetal SARS-CoV-2 transmission. Nat Med 26:312–312. https://sci-hub.tw/10.1038/s41591-020-0810-y
van der Sande M, Teunis P, Sabel R (2008) Professional and Home-Made Face Masks Reduce Exposure to Respiratory Infections among the General Population. PLoS One 3: https://sci-hub.tw/10.1371/journal.pone.0002618

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Kuba: Anarchist*innen eröffnen ABRA (Soziales Zentrum & Anarchistische Bibliothek) in Havanna https://nigra.noblogs.org/post/2018/05/05/kuba-anarchistinnen-eroeffnen-abra-soziales-zentrum-anarchistische-bibliothek-in-havanna/ Sat, 05 May 2018 21:22:04 +0000 https://nigra.noblogs.org/?p=2272 Weiterlesen ]]> Im Jahr 2016 haben wir uns als FdA an einer Spendenkampagne beteiligt, die zum Ziel hatte, Geld für den Kauf eines Gebäudes in Kuba zusammenzubekommen. Die Föderation leistete schließlich einen bedeutenden Beitrag dazu.

Nachdem den Genoss*innen in Kuba der Kauf eines Objekts in der Hauptstadt Havanna gelang, ist es nun (am Samstag, 5.5.2018) endlich soweit: Das Zentrum ABRA (Soziales Zentrum und Libertäre Bibliothek) öffnet feierlich seine Tore. Die Genoss*innen vor Ort bitten um größtmögliche Verbreitung, ein Wunsch, dem wir nur allzugerne nachkommen. Und wir rufen euch auf, es uns gleichzutun.

Im Folgenden dokumentieren wir den Text zur Eröffnung (in eigener Übersetzung):

[Text in english | en español weiter unten]

Diesen 5. Mai 2018 beginnt mit der Eröffnung des ABRA, des “Centro Social y Biblioteca Libertaria” (Soziales Zentrum und Libertäre Bibliothek), für eine Gruppe von Kubaner*innen eine neue Etappe im Prozess der eigenen Emanzipierung.

Mit diesem Projekt möchte das Kollektiv “Taller Libertario Alfredo López” (eine 2012 entstandene, anarchistische, antiautoritäre und antikapitalistische Initiative, die Mitglied der Anarchistischen Föderation in Mittelamerika und der Karibik, FACC, ist) in enger und lebhafter Kooperation mit befreundeten Kollektiven, wie dem “Observatorio Crítico Cubano”, “Guardabosques” sowie einigen anderen Individuen, einen dauerhaften und autonomen Raum im heutigen Kuba zu schaffen.

Einen Ort, um Erfahrungen und Praktiken zu fördern, die unabhängig sind von jedweder Regierung (ob in- oder ausländisch) bzw. von jedweden Institutionen, die Regierungen repräsentieren. Dieser Ort soll darauf beruhen, was die Teilnehmenden selbst mit einbringen. Mit ABRA möchten wir eine Praxis in den Mittelpunkt stellen, die mittels prefigurativer Praktiken die Gesellschaft, die wir uns erträumen, bereits jetzt vorwegnimmt. Zugleich geht es uns um eine Praxis, die im Einklang mit der Natur steht. Konkret bedeutet dies ein Minimum an Konsum mit einem Maximum an eigenen, nicht umweltschädlichen Lösungen.

Dieses neue Projekt ist in seinem Kern antikapitalistisch ausgerichtet, da der Kapitalismus Beziehungen zwischen Personen fördert, die auf dem Gedanken der Nützlichkeit, der Herrschaft, der Konkurrenz und des Profits basieren, also all das, was eben nicht zu der Gesellschaft führt, die wir anstreben. Gestützt werden all diese negativen Erscheinungen von Staaten, Firmen und Unternehmen, die die Welt und unser Land beherrschen und ausplündern. Daher begreift sich das Soziale Zentrum als Opposition zu all diesen Konglomeraten und ihren Praktiken.

Andererseits ist jedoch klar, dass die Emanzipation nicht möglich ist, ohne Teil der uns umgebenden Gemeinschaften zu sein. Daher existiert ABRA neben und inmitten der Gemeinschaften, und ist dadurch ebenso von der Unterdrückung betroffen, die sie erleiden, wie von den Siegen, die sie in ihrem Kampf erringen. Gleichzeitig beteiligt sich das Projekt auch an unterschiedlichsten Widerstandsdynamiken und der Schaffung neuer Affinitätsgruppen, denen wir ebenfalls Platz in unserem Zentrum und in unseren Projekten einräumen. ABRA möchte all jenen Freundeskreisen, Personen oder Affinitätsgruppen einen Raum bieten, die sich nicht auf den eng gesetzten Rahmen von Regierung & Opposition beschränken, sondern mittels der direkten Aktion und ohne Vermittlungsinstanz die diversen Fragen des alltäglichen Lebens und die Erschaffung von Neuem in allen Sphären der Realität in Angriff nehmen.

Dieser Ort positioniert sich aktiv gegen jede Diskriminierung nach Hautfarbe, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Sexualität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Territorium, Bildungsniveau, ökonomischem Status und allem, was sich gegen die Würde der Menschen richtet. Außerdem erkennen wir die Pluralität von Meinungen (politischen, ideologischen, moralischen etc.) an, ohne unsere eigenen aufzugeben.

ABRA bietet Raum für den Austausch inmitten einer kommerzialisierten und überwachten Stadt und möchte ein Ort der lokalen, nationalen und internationalen Gegeninformation sein, der autodidaktischen Bildung, der Gedenken, der Feiern und Begegnungen; ein Versuch, die prekäre gegenkulturelle Szene und produktive Autonomie, die in Havanna und Kuba existiert, zu fördern.

Das Soziale Zentrum konstituiert sich als ein Ort der sozialen, horizontalen Kommunikation, um jenen nationalen und internationalen Erfahrungen eine Stimme zu geben, die für die hegemonialen Institutionen nicht von Interesse sind, aber zu einer antiautoritären und emanzipatorischen Perspektive beitragen, die jedoch für jene von uns von Interesse ist, die in Kuba kämpfen.

Mittel und Zweck stehen hier nicht im Widerspruch: Wichtigste Merkmale sind dabei die Horizontalität, die persönliche Freiheit und die aktive Teilnahme auf Grundlage der direkten Aktion.

English

This 5th May begins a new stage in the process of emancipation for a group of Cubans with the opening of ABRA: “Centro Social y Biblioteca Libertaria” (Social Centre and Libertarian Library).

With this project the group “Taller Libertario Alfredo López” (a 2012 established, anarchist, antiauthoritarian and anticapitalist initiative, member of the Anarchist Federation of Central America and the Carribean, FACC), in vital cooperation with collectives like the “Observatorio Crítico Cubano”, “Guardabosques” and other individuals, wants to establish an autonomous and sustainable space in present Cuba.

A space to support experiences and practices which are independent of any kind of government (national or international) and any kind of institutions which represent governments. A space which is based on what its participants contribute to it. With ABRA we want to focus on a practice which tries to anticipate the society we dream of with prefigurative means. At the same time we want a practice which is in accord with nature. Specifically this means a minimum of consumption with a maximum of own, environmentally friendly solutions.

This new project is oriented anticapitalist, because capitalism supports relations within people which are based on the ideas of utility, domination, competition and profit, all which does not lead to the kind of society we strive for. All these negative phenomenons are supporese ted by states, businesses and companies which dominate and plunder our land. Therefore the Social Centre understands itself in opposition to all the aforementioned.

On the other hand it is clear that emancipation is not possible without being part of the communities surrounding us. Therefore ABRA exists next to and in the middle of the communities and is therefore likewise affected by the oppression they suffer as well as the victories they win with their struggles. At the same time the project participates in various resistance dynamics and the creation of new affinity groups for which we also grant space in our centre and our projects. ABRA wants to offer space for all those circles of friends, persons and affinity groups which do not limit themselves to the tiny framework of government and opposition, but who, with means of direct action, tackle the diverse questions of everyday life and commit themselves to the creation of new things in all spheres of reality.

This space actively positions against any discrimination based on race, ethnic background, gender, sexual orientation, gender identity, territory, level of education, economic status and all which is directed against the dignity of the people. Besides, we recognize the diversity of opinions (political, ideological, moral etc.) without giving up our own.

ABRA offers a space for exchange in the middle of a commercialized and supervised city and wants to be a place of local, national and international counter-information, a place of self organized education, of remembrance, of parties and encounters; an attempt to support the precarious counter-cultural scene and the productive autonomy which exists in Havana and whole Cuba.

The Social Centre constitutes itself as a place for social, horizontal communication, to give a voice to all those national and international experiences which are not of any interest for the hegemonic institutions, but which contribute to an anti-authoritarian and emancipatory perspective which is of interest for those of us fighting in Cuba.

Means and ends do not contradict each other here: the most important characteristics are horizontality, personal freedom and active engagement based on direct ation.

En español

Desde Cuba se inicia este 5 de mayo de 2018 una nueva etapa en el proceso autoemancipatorio de un grupo de cubanos y cubanas, con la apertura de ABRA: Centro Social y Biblioteca Libertaria.

Este empeño del Taller Libertario Alfredo López (iniciativa anarquista, anti-autoritaria y anticapitalista surgida en 2012, que forma parte de la Federación Anarquista del Caribe y Centroamérica), con el efectivo y vital involucramiento de colectivos afines como Observatorio Crítico Cubano, Guardabosques, así como algunas otras energías individuales; intenta construir un espacio autónomo y sostenible en la Cuba de hoy.

Un espacio para promover experiencias y prácticas independientes de cualquier gobierno foráneo o nacional, o instituciones que los representen, centrado en las capacidades de quienes se involucren. Desde ABRA se insistirá en una práctica que prefigure el tipo de sociabilidad que soñamos, y en un tipo de relacionamiento amigable con el medioambiente, que se traduce en un mínimo de consumo con un máximo de soluciones propias no contaminantes.

Este nuevo empeño es esencialmente anticapitalista, pues el capitalismo promueve un tipo de relaciones entre las personas basadas en el utilitarismo, la supremacía, la competencia, la ganancia, todo lo cual no conduce a la sociabilidad que aspiramos. Lo anterior es sostenido por los Estados, las empresas y corporaciones que dominan y depredan al mundo y a nuestro país. Por ello el Centro Social se coloca en las antípodas de todo lo anterior.

Por otra parte, no es posible la emancipación sin formar parte de las comunidades. Es por ello que ABRA existe de cara a ellas y dentro de ellas, no ajena a las opresiones que sufren, ni a las victorias que logran en su lucha. De igual modo se involucra en las dinámicas de resistencia y creación de otros grupos afines, a quienes les damos cabida en nuestro Centro y nuestros proyectos. ABRA pretende aportar un espacio para todas aquellas sociabilidades, personas y grupos de afinidades que no se limitan al estrecho marco del conflicto gobierno-oposición, se plantean el abordaje directo y por cuenta propia de las diversas cuestiones de la vida cotidiana y la creación en todas las esferas de la realidad.

Este espacio se sitúa activamente en contra de las discriminaciones por motivos de raza, origen étnico, género, sexualidad, orientación sexual, identidad de género, territorio, nivel de instrucción, estatus económico, y cualquier otra en contra de la dignidad de las personas. Asimismo, reconoce la pluralidad de pensamientos (políticos, ideológicos, morales, etc.), sin renunciar nunca a ejercer los nuestros.
ABRA se brinda como lugar de confraternización, en medio de una ciudad mercantilizada y vigilada, y ofrece un espacio para la contra-información local, nacional e internacional, la formación autodidacta, conmemoraciones, celebraciones, encuentros; buscando incentivar la precaria escena contracultural, productiva autónoma, existente en La Habana y la región Cuba.

El Centro Social se constituye como espacio de comunicación social horizontal para dar voz a aquellas experiencias nacionales e internacionales que no son de interés para las agencias hegemónicas, pero que tributan a una perspectiva antiautoritaria y emancipatoria que sí interesa a quienes luchamos en Cuba.

Aquí medios y fines no se contradicen: son la horizonalidad, la libertad de la persona, la participación efectiva a partir del involucramiento directo.

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Angriff auf einen Buchladen der Fédération Anarchiste https://nigra.noblogs.org/post/2015/10/22/angriff-auf-einen-buchladen-der-federation-anarchiste/ Thu, 22 Oct 2015 19:08:18 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1720 Weiterlesen ]]> [Dies ist eine Übersetzung der Anarchistischen Initiative Ortenau aus dem Französischen. Den Originaltext findet ihr hier.]

Heute trifft es uns, aber wen trifft es morgen ? – In der Nacht vom 17. zum 18. Oktover 2015 hat gegen zwei Uhr morgens eine Gruppe von 5 Personen, die als Mitglieder der lokalen faschistischen Szene indentifiziert wurden, den Buchladen L’Autodidacte angegriffen (5 rue Marulaz in Besançon). Der Buchladen beteiligt sich am Leben im Viertel mit dem Veranstalten von Debatten, Konzerten und Filmvorführungen. Der Ort ist ein Treffpunkt für die libertäre Bewegung in Besançon. Dazu ist er auch der Buchladen der Groupe Proudhon der Fédération Anarchiste.

Seit Jahren ist dieser kulturelle und politische Ort für das Viertel geöffnet und beherbergt zahlreiche Projekte und Strukturen (Gewerkschaften, Amap, Vereine), die sich als Alternative zum Kapitalismus verstehen. Er ist ein Werkzeug, um populäre, alternative, kämpferische und libertäre Ideen zu verbreiten. Darum haben Befürworter*innen einer ultra-autoritären Ordnung diesen Buchladen, der für die soziale Emanzipation kämpft angegriffen.

Die Fensterläden und die Eingangstür wurden zerstört. Die Angreifer*innen hatten aber nicht die Zeit, ins Innere des Buchladens vorzudringen. Der Angriff konnte durch das entschlossene Eingreifen von Personen, die an dem Treffen von Alternatiba teilnahmen, abgewehrt werden . Wir möchten uns hier bei diesen Personen bedanken.

Dieses entschlossene Handeln sollte wegweisend sein. Wenn Post-Faschist*innen eine*n von uns angreifen, müssen wir kollektiv und sofort reagieren. Es ist eine Form von antifaschistischem Selbstschutz. Sein Ziel ist es, die Nostalgien eines Frankreichs der weißen Rasse in die Mülleimer der Geschichte zu schmeißen. Die Werkzeuge, die uns die politische Präsenz auf der Strasse, in den sozialen Bewegungen, in der Kultur usw. ermöglichen, sind auch gut genug, um zu verhindern, dass die braune Gewalt zunimmt.

Die Polizei hat momentan zwei Angreifer*innen festgenommen. Wir rufen die soziale Bewegung auf, wachsam zu sein und empfehlen gegenseitige Hilfe und Solidarität als Mittel zum Selbstschutz.

Die Fédération Anarchiste grüsst und unterstützt ihre Genoss*innen von der Librairie l’Autodidacte hier nochmals ausdrücklich.

Fédération Anarchiste

Librairie l'Autodidacte

]]> oktoberausgabe der gai dao erschienen https://nigra.noblogs.org/post/2014/10/04/oktoberausgabe-der-gai-dao-erschienen/ Sat, 04 Oct 2014 09:31:35 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1394 Weiterlesen ]]> pünktlich zum monatsbeginn erscheint die nr. 46 der gai dao und ist wieder prall gefüllt mit guten artikeln aus aller und über alle welt.

auf unterschiedlichste arten könnt ihr sie lesen: auf papier (abo!), online, als pdf, als e-pub und sogar hören als audiobook.

von mir ist eine übersetzung  des englischen und durch die aktuellen ereignisse in rojava und dem nordirak hochaktuellen artikels „The new PKK: unleashing a social revolution in Kurdistan“ an bord. die hat mir alles und noch viel mehr abverlangt, so dass ich mir sogar hilfe bei einem genossen holen musste (danke dafür). hier könnt ihr sie lesen:

Die neue PKK: Wie eine Soziale Revolution in Kurdistan in Gang gesetzt wird

von Rafael Taylor / Übersetzung: nigra

Während die Aussicht auf eine kurdische Unabhängigkeit immer realer wird, verwandelt sich die kurdische Arbeiter*nnenpartei in eine radikaldemokratische Kraft.

Ausgeschlossen von Verhandlungen und betrogen im Rahmen des Vertrags von Lausanne 1923, nachdem ihnen von den Alliierten des Ersten Weltkrieges während der Aufteilung des Osmanischen Reiches ein eigener Staat versprochen worden war, sind die Kurd*innen die größte staatenlose Minderheit der Welt. Aber heute bleiben, abgesehen von einem trotzigen Iran, immer weniger Hindernisse übrig, die ein formalrechtlich unabhängiges Kurdistan verhindern. Die Türkei und Israel haben ihre Unterstützung zugesagt, während die Hände Syriens und die des Irak durch die schnellen Fortschritte des Islamischen Staates (früher ISIS) gebunden sind.

Mit der kurdischen Flagge über allen offiziellen Gebäuden und den Peschmerga, die die Islamisten mit Unterstützung der lange überfälligen militärischen US-Hilfe unter Kontrolle halten, vereinigt sich Südkurdistan (Irak) mit seinen Genoss*innen in Westkurdistan (Syrien), das die zweite de facto autonome Region des neuen Kurdistan bildet. Sie haben schon damit begonnen ihr eigenes Öl zu exportieren und haben das an Öl reiche Kirkuk zurückerobert. Sie haben ihr eigenes, säkulares, gewähltes Parlament und eine pluralistische Gesellschaft. Sie haben bei der UN ihren Antrag auf Anerkennung als souveräner Staat eingereicht und es gibt nichts, was die irakische Regierung tun könnte – oder die USA ohne israelische Unterstützung tun würde, um das zu stoppen.

Trotzdem ist der kurdische Kampf nicht annähernd nationalistisch geprägt. In den Bergen über Erbil, im alten Landesinneren Kurdistans, das sich über die Grenzen der Türkei, des Iran, irak und Syriens windet, wurde eine Soziale Revolution geboren.

Die Theorie des Demokratischen Konföderalismus

Zur Jahrhundertwende, als der US-amerikanische Radikale Murray Bookchin seinen Versuch aufgab, die heutige anarchistische Bewegung mit seiner Philosophie der Sozialen Ökologie wiederzubeleben, wurde der PKK-Gründer und Anführer Abdullah Öcalan in Kenia von türkischen Beamt*innen verhaftet und wegen Hochverrat zum Tode verurteilt. In den folgenden Jahren gewann der alte Anarchist in dem hartgesottenen Kämpfer einen unerwarteten Anhänger, dessen paramilitärische Organisation – die Arbeiter*innenpartei Kurdistans – in vielen Teilen der Welt als terroristische Organisation eingestuft ist, weil sie einen brutalen Krieg der nationalen Befreiung gegen die Türkei führt.

In seinen Jahren in Einzelhaft, in denen er die PKK von der Zelle aus leitete – seine Todesstrafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt – eignete sich Öcalan eine Art des Libertären Sozialismus an, die so unbedeutend war, dass nur wenige Anarchist*innen je davon gehört haben: Bookchins Libertärer Kommunalismus. Öcalan veränderte und verfeinerte Bookchins Vision und benannte sie in „Demokratischen Konföderalismus“ um, mit der Folge, dass die Union der Gemeinschaften Kurdistans (Koma Civakên Kurdistan oder KCK), das territoriale Experiment der PKK, zu einer freien und direktdemokratischen Gesellschaft, für die meisten Anarchist*innen weitgehend ein Geheimnis blieb, ganz zu schweigen von der breiten Öffentlichkeit.

Auch wenn Öcalans Gesinnungswandel der Wendepunkt war, fegte schon nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren eine breitere Renaissance von libertär-linker und unabhängiger Literatur durch die Berge und von Hand zu Hand der breiten Masse. „[Sie] analysierten Bücher und Artikel von Philosoph*innen, Feminist*innen, (Neo-)Anarchist*innen, libertären Kommunist*innen, Kommunalist*innen und Sozialen Ökolog*innen. So kamen Autor*innen wie Murray Bookchin [und andere] in ihren Fokus,“ erzählt uns der Aktivist Ercan Ayboga.

Öcalan begann in seinen Gefängnisschriften mit einer sorgfältigen Überprüfung und Selbstkritik der schrecklichen Gewalt, des Dogmatismuses, des Personenkultes und des Autoritarismus, die er gefördert hatte: „Es ist klar geworden, dass unsere Theorie, unser Programm und unsere Praxis der 1970er nichts als nutzlosen Seperatismus und nutzlose Gewalt produzierte und, was noch viel schlimmer ist, dass der Nationalismus, den wir eigentlich hätten ablehnen sollen, uns alle befallen hat. Auch wenn wir ihn prinzipiell und rhetorisch ablehnten, akzeptierten wir ihn als unumgänglich.“ Früher der unhinterfragte Führer, schlussfolgerte Öcalan jetzt, dass „Dogmatismus genährt wird von abstrakten Wahrheiten, die zu gewohnheitsmäßigen Denkweisen werden. Sobald du solche generellen Wahrheiten in Worte packst, fühlst du dich wie ein Hohepriester im Dienst deines Gottes. Das war der Fehler, den ich beging.“

Öcalan, ein Atheist, schrieb schließlich als ein Freigeist, unbeeindruckt von der marxistisch-leninistischen Mythologie. Er gab an, dass er nach einer „Alternative zum Kapitalismus“ und einem „Ersatz für das zusammengebrochene Model des … ‚real existierenden Sozialismus’“ suchte, als er auf Bookchin stieß. Seine Theorie des Demokratischen Konföderalismus entwickelte sich aus einer Kombination von Inspirationen durch kommunalistische Intellektuelle, Bewegungen wie die der Zapatistas und anderer historischer Faktoren des Kampfes in Nordkurdistan (Türkei). Öcalan bezeichnete sich selbst als einen Studenten Bookchins und nach einem gescheiterten E-Mail-Schriftwechsel mit dem alten Theoretiker, der zu seinem großen Bedauern zu krank für einen Austausch auf seinem Sterbebett im Jahr 2004 war, feierte ihn die PKK anlässlich seines Todes zwei Jahre später als einen der größten Sozialwissenschaftler*innen des 20. Jahrhunderts.

Die Praxis des Demokratischen Konföderalismus

Die PKK selbst ist offensichtlich ihrem Anführer nicht nur in Bezug auf Bookchins spezielle Lesart des Öko-Anarchismus gefolgt, sondern hat aktiv die neue Philosophie in ihren Strategien und Taktiken verinnerlicht. Die Bewegung schwor ihrem blutigen Krieg für eine stalinistisch-maoistische Revolution ab sowie den Taktiken des Terrors, die dieser mit sich brachte und begann eine großangelegte gewaltfreie Strategie zu durchlaufen, die auf größere regionale Autonomie abzielte.

Nach Jahrzehnten des internen Verrats, gescheiterten Waffenruhen, willkürlichen Verhaftungen und erneuter Aufnahme der bewaffneten Auseinandersetzungen, erklärte die PKK am 25. April dieses Jahres einen sofortigen Rückzug ihrer Kräfte aus der Türkei und ihrer Stationierung im Nordirak, was effektiv ihren 30 Jahre alten Konflikt mit dem türkischen Staat beendete. Die türkische Regierung setzte gleichzeitig einen Prozess verfassungsmäßiger und rechtlicher Reformen in Gang, um die Menschen- und kulturellen Rechte der kurdischen Minderheit innerhalb der türkischen Grenzen zu gewährleisten. Dies kam als letzter Teilder lang erwarteten Verhandlungen zwischen Öcalan und dem türkischen Premierminister Erdoğan als Teil des Friedensprozesses, der 2012 begann. Es hat seit einem Jahr keine Gewalt von Seiten der PKK gegeben und begründete Rufe nach einer Streichung der PKK von den Terrorlisten der Welt sind erklungen.

Dennoch bleibt die dunkle Geschichte der PKK an ihr haften – autoritäre Methoden, die nicht so richtig zu ihrer neuen libertären Rhetorik passen wollen. Geldbeschaffung durch Heroinhandel, Erpressung, Zwangswehrdienst und allgemein kriminelle Machenschaften wurden Abteilungen der PKK wiederholt vorgeworfen oder zugeschrieben. Falls das der Wahrheit entsprechen sollte, kann es keine Entschuldigungen für diese Art des aggressiven Opportunismus geben, trotz der offensichtlichen Ironie, dass der völkermörderische türkische Staat selbst in nicht kleinem Maße von einem lukrativen Monopol auf den legalen Export von staatlich angebauten „medizinischen“ Opiaten in den Westen finanziert wurde und ermöglicht durch seine Wehrpflicht und Besteuerung für ein riesiges Antiterrorbudget und übergroße Armeekräfte (die Türkei hat nach den USA die zweitgrößte Armee der NATO.).

Wie es der üblichen Heuchelei beim Krieg gegen den Terror entspricht, sind es immer die Nichtrepräsentierten, die als Terrorist*innen gebrandmarkt werden. Öcalan selbst beschreibt diese beschämende Periode als eine von „Banden innerhalb unserer Organisation und offenem Banditentum, die nutzlose, willkürliche Operationen arrangierten, um junge Menschen reihenweise in den Tod zu schicken“.

Anarchistische Strömungen im Kampf

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sie ihre marxistisch-leninistische Wege verlässt, ist, dass die PKK kürzlich damit begonnen hat, dem Anarchismus weltweit deutliche Angebote zu machen. Sogar beim internationalen anarchistischen Treffen in St. Imier in der Schweiz 2012 veranstaltete sie einen Workshop, der zu Verwirrung, Betroffenheit und Onlinedebatten führte, aber von der breiteren anarchistischen Presse weitestgehend unbemerkt blieb.

Janet Biehl, Bookchins Witwe, ist eine der wenigen westlichen Anarchist*innen, die die KCK vor Ort studiert. Sie hat ausführlich über ihre Erfahrungen auf der Website New Compass geschrieben und Interviews mit kurdischen Radikalen veröffentlicht, die am Alltagsgeschehen der demokratischen Versammlungen und der föderativen Strukturen beteiligt sind. Ebenso hat sie die erste anarchistische Studie in Buchlänge zum Thema übersetzt und veröffentlicht: Demokratische Autonomie in Nordkurdistan: Die Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie (2013).

Die einzige andere englischsprachige, anarchistische Stimme ist das Kurdische Anarchistische Forum (KAF), eine pazifistische Gruppe irakischer Kurd*innen, die in Europa leben und von sich behaupten, dass sie „keine Beziehungen zu anderen linken Gruppen haben“. Obwohl sie ein föderiertes Kurdistan unterstützen, erklärt das KAF, dass „wir die PKK nur unterstützen, wenn sie ihren bewaffneten Kampf ganz einstellen, sich für die Organisierung von massenhaften Graswurzelbewegungen einsetzt, um die sozialen Forderungen der Bevölkerung zu erreichen, zentralisierte und hierarchische Methoden des Kampfes anprangert und einstellt und sich stattdessen in föderierte, autonome Gruppen umwandelt, alle Beziehungen und Geschäfte mit den Staaten des Mittleren Ostens und des Westens beendet, charismatische Machtpolitik anprangert und sich der Antistaatlichkeit und dem Antiautoritarismus verschreibt – nur dann werden wir gerne voll und ganz mit ihr zusammenarbeiten“.

Bookchin wörtlich nehmen

Dieser Tag (vom Pazifismus mal abgesehen) könnte in erreichbarer Nähe sein. Die PKK/KCK scheint Bookchins Sozialer Ökologie wortgetreu zu folgen, mit nahezu jeder Einzelheit bis hin zu und einschließlich ihrer widersprüchlichen Teilnahme am Staatsapparat durch Wahlen, genau wie es in der Literatur vorgegeben ist.

Wie Joost Jongerden und Ahmed Akkaya schreiben „unterscheidet Bookchin in seinem Werk zwischen zwei politischen Ideen, der griechischen und der römischen“, sprich: der direkten und der repräsentativen Demokratie. Bookchin sieht seine Form des Neo-Anarchismus als eine praktische Wiederbelebung der Athenischen Revolution des Altertums. Das „Athener Modell existiert als eine Gegen- und Untergrundströmung, die ihren Ausdruck in der Pariser Kommune von 1871, den Räten (Sowjets) in der Frühzeit der russischen Revolution von 1917 und der spanischen Revolution von 1936 findet“.

Bookchins Kommunalismus enthält einen fünfstufige Herangehensweise:

  1. Bestehenden Gemeinden durch Gesetze mehr Entscheidungsbefugnisse geben, um die Entscheidungsmacht vor Ort zu verankern.

  2. Diese Gemeinden durch Graswurzelversammlungen demokratisieren.

  3. Gemeinden „in regionalen Netzwerken und größeren Föderationen…“ zusammenfassen, „…um darauf hinzuarbeiten, die Nationalstaaten durch kommunale Föderationen zu ersetzen“, während sichergestellt wird, dass „höhere Ebenen der Föderation hauptsächlich koordinierende und verwaltungstechnische Funktionen haben“

  4. „Fortschrittliche soziale Bewegungen vereinen“, um die Zivilgesellschaft zu stärken und „einen allgemeinen Brennpunkt für alle Bürgerinitiativen und Bewegungen“ zu etablieren: die Versammlungen. Diese Zusammenarbeit ist „nicht […], weil wir erwarten, immer nur harmonischen Konsens zu sehen, sondern – im Gegenteil – weil wir an Meinungsverschiedenheit und Diskussionen glauben. Die Gesellschaft entwickelt sich durch Debatte und Konflikt.“ Zusätzlich sollen die Versammlungen säkular sein, „gegen religiöse Einflüsse auf die Politik und die Regierung kämpfen“ und eine „Arena für den Klassenkampf“ sein.

  5. Um ihre Vision einer „klassenlosen Gesellschaft, basierend auf kollektiver politischer Kontrolle über die sozial wichtigen Produktionsmittel“ zu erreichen, ist die „Kommunalisierung der Wirtschaft“ und eine „föderale Verteilung der Ressourcen“ gefordert, „die das Gleichgewicht zwischen den Regionen sichern sollen.“ Dies entspricht, einfacher ausgedrückt, einer Kombination von Arbeiterselbstverwaltung und dezentraler Planwirtschaft, um den sozialen Bedürfnissen gerecht zu werden: Das ist klassische anarchistische Ökonomie.

Wie es Eirik Eiglad, Bookchins früherer Herausgeber und KCK-Analyst, ausdrückt:

Von besonderer Wichtigkeit ist die Notwendigkeit, die Erkenntnisse der feministischen und ökologischen Bewegungen mit denen der neuen urbanen Bewegungen und Bürgerinitiativen zu kombinieren, genauso wie die der Gewerkschaften und der lokalen Kooperativen und Kollektive […] Wir glauben, dass die kommunalistische Idee einer auf Versammlungen basierenden Demokratie ihren Teil dazu beisteuern wird, diesen fortschrittlichen Austausch von Ideen auf einer beständigeren Basis mit mehr direkten politischen Konsequenzen zu ermöglichen. Der Kommunalismus ist allerdings nicht nur ein taktischer Weg, radikale Bewegungen zusammenzuführen. Unsere Forderung nach einer gemeindeorientierten Demokratie ist auch der Versuch, Vernunft und Ethik an die Spitze öffentlicher Diskussionen zu bringen.

Für Öcalan bedeutet Demokratische Konföderalismus eine „demokratische, ökologische, vom sozialen Geschlecht befreite Gesellschaft oder einfach „Demokratie ohne Staat“. Er stellt ausdrücklich die „kapitalistische Moderne“ der „demokratischen Moderne“ gegenüber, in der die früheren „drei Grundelemente Kapitalismus, Nationalstaat und Industrialismus“ durch eine „demokratische Nation, Gemeindewirtschaft und ökologische Industrie“ ersetzt sind. Dies bedingt „drei Projekte: eines für die demokratische Republik, eines für den demokratischen Föderalismus und eines für die demokratische Autonomie.“

Das Konzept der „demokratischen Republik“ bezieht sich hauptsächlich darauf, die den Kurd*innen lange verweigerte Staatsbürgerschaft und Bürgerrechte zu erlangen, einschließlich der Möglichkeit ihre eigene Sprache frei zu sprechen und zu unterrichten. Die demokratische Autonomie und der demokratische Föderalismus beziehen sich beide auf die „autonomen Fähigkeiten der Menschen, eine direktere, weniger auf Vertretung basierende Form der politischen Struktur“.

Derweil merken Jongerden und Akkaya an, dass „das Modell des freien Munizipalismus darauf abzielt, eine von unten nach oben organisierte, auf Teilnahme basierende Verwaltung, von lokalen zu Bezirksebenen, zu realisieren. Das „Konzept des/der freien Bürger*in (ozgur yarttas) [ist] sein Ausgangspunkt“, welcher „grundlegende Bürger*innenrechte, wie z.B. die Redefreiheit und die Freiheit, sich zu organisieren, beinhaltet.“ Das Kernstück des Modells sind die Nachbarschaftsversammlungen bzw. die „Räte“, zwei Begriffe, die synonym verwendet werden.

An den Räten sind alle Bewohner*innen beteiligt, einschließlich nichtkurdischer Menschen, und während Nachbarschaftsversammlungen in verschiedenen Bezirken stark sind, „gibt es in Diyarbakir, der größten Stadt in Türkisch-Kurdistan, nahezu überall Versammlungen“. Anderswo, „in den Bezirken Hakkari und Sirnak […] gibt es zwei parallele Autoritäten [die KCK und den Staat], von denen die demokratisch-konföderale Struktur in der Praxis stärker ist“. Die KCK in der Türkei „ist in den Ebenen Dorf (köy), städtische Nachbarschaft (mahalle), Distrikt (ilçe), Stadt (kent) und Region (bölge), welche als „Nordkurdistan“ bezeichnet wird, organisiert“.

Die „höchste“ Ebene der Föderation in Nordkurdistan, der DTK (Demokratik Toplum Kongresi, Demokratischer Gesellschaftskongress), ist eine Mischung von Delegierten der Basis mit abberufbaren Mandaten, die bis zu 60 Prozent ausmachen und Vertreter*innen von „mehr als 500 zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und politischen Parteien“, die bis zu 40 Prozent ausmachen, von denen ungefähr sechs Prozent „für Vertreter*innen von religiösen Minderheiten, Akademiker*innen oder anderen Personen mit besonderen Fachkompetenzen reserviert“ sind.

Es ist unklar, welchen Anteil an diesen 40 Prozent die in ähnlicher Weise delegierten Personen aus direktdemokratischen, nichtstaatlichen, zivilgesellschaftlichen Gruppen im Vergleich zu den gewählten oder nicht gewählten Parteibürokrat*innen ausmachen. Personelle Überschneidungen bei unabhängigen kurdischen Bewegungen und kurdischen politischen Parteien, wie auch die Verinnerlichung vieler Aspekte der direktdemokratischen Prozedur durch diese Parteien verkomplizieren die Situation zusätzlich. Dennoch herrscht bei Beobachter*innen informell Einigkeit darüber, dass die Mehrzahl der Entscheidungen durch die eine oder andere Regelung direktdemokratisch getroffen werden, so dass die Mehrzahl dieser Entscheidungen an der Basis entwickelt werden und dass die Entscheidungen von unten nach oben in Übereinstimmung mit den föderalen Strukturen ausgeführt werden.

Weil die Versammlungen und der DTK von der illegalen KCK koordiniert werden, der die PKK angehört, werden sie von der Türkei und der sogenannten internationalen Gemeinschaft (EU, USA und andere) ebenfalls als „terroristisch“ bezeichnet. Der DTK sucht auch die Kandidat*innen der prokurdischen BDP (Barış ve Demokrasi Partisi; Partei für Frieden und Demokratie) für das türkische Parlament aus, welche im Gegenzug „Demokratische Autonomie“ für die Türkei fordert, in einer Art Kombination von repräsentativer und direkter Demokratie. Dem föderalen Modell folgend schlägt sie die Etablierung von ungefähr 20 autonomen Regionen vor, die sich in Belangen von „Bildung, Gesundheit, Kultur, Landwirtschaft, Industrie, sozialen Einrichtungen und Sicherheit, Frauenfragen, Jugend und Sport“ direkt selbst regieren würden (auf anarchistische und nicht auf Schweizer Art) mit dem Staat, der weiterhin für „Außenpolitik, Finanzen und Verteidigung“ zuständig wäre.

Die Soziale Revolution beginnt

Vor Ort hat die Revolution mittlerweile schon begonnen.

In Türkisch-Kurdistan gibt es eine unabhängige Bildungsbewegung mit „Akademien“, die Diskussionsforen und Seminare in Nachbarschaften organisieren. Da gibt es die Culture Street, wo Abdullah Demirbas, der Bürgermeister des Stadtteils Sur in Amed, die „Vielfalt der Religionen und Glaubenssysteme“ feiert. Er erklärt, dass „wir damit begonnen haben, eine Moschee, eine chaldäisch-aramäische katholische Kirche, eine orthodoxe aramäische Kirche und eine jüdische Synagoge „ zu restaurieren. An anderer Stelle berichten Jongerden und Akkaya, dass „DTP-Gemeinden einen ‚mehrsprachigen Gemeindeservice‘ initiierten, was erhitzte Debatten lostrat. Straßenschilder der Gemeinde sind in Kurdisch und Türkisch gehalten und örtliche Ladenbesitzer*innen folgten diesem Beispiel“.

Die Befreiung der Frau wird von den Frauen selbst durch die Initiativen des Frauenrats des DTK vorangetrieben, indem sie Regeln wie eine 40-Prozent-Genderquote in den Versammlungen durchsetzen. Wenn ein Angestellter des öffentlichen Dienstes seine Ehefrau schlägt, wird sein Gehalt direkt an das Opfer überwiesen, um ihre finanzielle Sicherheit zu gewährleisten. Sie kann das Geld nach eigenem Gutdünken verwenden. „Falls ein Ehemann in Gewer eine zweite Frau heiratet, geht die Hälfte seines Besitzes an die erste Frau.

Es gibt Friedensdörfer, neue oder umgewandelte Gemeinschaften von Kooperativen, die ihr eigenes Programm völlig außerhalb der logistischen Einschränkungen durch den kurdisch-türkischen Krieg umsetzen. Die erste solche Gemeinde wurde im Bezirk Hakkari errichtet, angrenzend an den Irak und den Iran, wo „mehrere Dörfer“ sich dem Experiment anschlossen. Im Bezirk Van wurde ein „ökologisches Frauendorf“ erbaut, um Opfern von häuslicher Gewalt Zuflucht zu gewähren. Es versorgt sich „mit aller oder nahezu aller notwendigen Energie“ selbst.

Die KCK veranstaltet alle zwei Jahre Treffen mit hunderten von Delegierten aus allen vier Ländern in den Bergen. Dabei steht die Bedrohung für den autonomen Süden und Westen Kurdistans durch den Islamischen Staat ganz oben auf der Agenda. Die iranischen und syrischen, der KCK angeschlossenen Parteien PJAK (Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê, Partei für ein freies Leben in Kurdistan) und PYD (Partiya Yekitîya Demokrat; Partei der demokratischen Union) treiben den demokratischen Konföderalismus ebenfalls voran. Die irakische KCK-Partei PCDK (Partiya Çareseriya Demokratik a Kurdistan; Partei für eine politische Lösung in Kurdistan) ist relativ bedeutungslos. Die herrschende gemäßigte Kurdische Demokratische Partei und ihr Anführer Massoud Barzani, Präsident von Irakisch-Kurdistan, entkriminalisierte sie erst vor Kurzem und beginnt sie nun zu tolerieren.

In der nördlichsten Bergregion in Irakisch-Kurdistan, wo die meisten PKK- und PJAK-Kämpfer*innen leben, erblühen radikale Literatur und Versammlungen unter der erneuten Einbeziehung der vielen Kurd*innen aus den Bergen, nach Jahrzehnten der Vertreibung. In den letzten Wochen sind diese Aktivist*innen von den nördlichsten Bergen heruntergekommen, um Seite an Seite mit den irakischen Peschmerga gegen die ISIS zu kämpfen. Sie haben 20.000 Jesid*innen und Christ*innen aus den Bergen von Sinjar gerettet und wurden von Barzani besucht, der sich in aller Öffentlichkeit bei ihnen bedankte und ihnen seine Solidarität aussprach, was einen Gesichtsverlust für die Türkei und die USA bedeutete.

Die syrische PYD ist dem Beispiel Türkisch-Kurdistans bei der revolutionären Transformation der autonomen Regionen gefolgt, die seit dem Ausbruch des Bürger*innenkriegs unter ihrer Kontrolle stehen. Nach „Verhaftungswellen“ unter der ba’athistischen Repression, mit „10.000 inhaftierten Menschen, unter ihnen Bürgermeister*innen, lokale Parteivorsitzende, Abgeordnete, Kader und Aktivist*innen […], vertrieben kurdische PYD-Kräfte das Baathregime in Nordsyrien (bzw. Westkurdistan) [und] lokale Räte tauchten plötzlich überall auf“. Es entstanden improvisierte Selbstverteidigungskommittees, um „Sicherheit nach dem Zusammenbruch des Ba’athregime“ zu gewährleisten und „die erste die kurdische Sprache unterrichtende Schule“ wurde errichtet, während die Räte für die gerechte Verteilung von Brot und Treibstoff sorgten.

Im türkischen, syrischen und, in einem geringeren Ausmaß, im irakischen Kurdistan haben Frauen nun die Möglichkeit, den Schleier abzulegen, und sie werden stark dazu ermutigt am sozialen Leben teilzunehmen. Alte, feudale Verbindungen werden aufgebrochen, die Menschen sind frei, einer Religion ihrer Wahl oder keiner zu folgen und ethnische und religiöse Minderheiten leben friedlich miteinander. Wenn sie in der Lage sind das neue Kalifat aufzuhalten, könnte die PYD-Autonomie in Syrisch-Kurdistan und der KCK-Einfluss in Irakisch-Kurdistan eine noch tiefgreifendere Explosion von revolutionärer Kultur und revolutionären Werten bewirken.

Am 30. Juni 2012 hat jetzt auch das Nationale Koordinierungskommittee für einen demokratischen Wechsel (National Coordination Committee for Democratic Change; NCB), die breitere revolutionäre, linke Koaliation in Syrien, von der die PYD die größte Gruppe darstellt, „das Projekt der Demokratischen Autonomie und des Demokratischen Konföderalismus als ein mögliches Modell für Syrien“ angenommen.

Die kurdische Revolution vor dem IS verteidigen

In der Zwischenzeit hat die Türkei damit gedroht, in kurdische Gebiete einzufallen, falls „Terrorlager in Syrien errichtet werden“, weil hunderte KCK-Kämpfer*innen (einschließlich der PKK) aus Kurdistan die Grenze überqueren, um Rojava (kurdisch für Westen) vor den Angriffen des Islamischen Staates zu verteidigen. Die PYD behauptet, dass die moderate islamistische Regierung der Türkei sich schon in einem Stellvertreterkrieg gegen sie befindet, indem sie die Reise internationaler Dschihadisten über die Grenze erleichtert, die mit den Islamisten kämpfen wollen.

In Irakisch-Kurdistan rief Barzani, dessen Kämpfer*innen in den 1990er Jahren im Austausch für den Zugang zu den westlichen Märkten an der Seite der Türkei gegen die PKK kämpften, nach einer „kurdischen Einheitsfront“ in Syrien, einschließlich einer Allianz mit der PYD. Barzani vermittelte 2012 das „Abkommen von Erbil“, das zur Gründung des Kurdischen Nationalrats führte. PYD-Anführer Salih Muslim bekräftigte, dass „alle Teilnehmer*innen ernsthaft und entschlossen sind, um weiterhin zusammenzuarbeiten“.

Auch wenn das Studium und die Umsetzung libertär-sozialistischer Ideen unter der KCK-Führung und ihrer Basis unzweifelhaft eine positive Entwicklung ist, bleibt es immer noch abzuwarten, wie ernst es ihnen damit ist, ihre blutige, autoritäre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der kurdische Kampf um Selbstbestimmung und kulturelle Souveränität bilden einen silbernen Streif in den dunklen Wolken, die sich über dem Islamischen Staat und den blutigen Kriegen zwischen Islamismus, Ba’atismus und religiösem Sektierertum zusammenballen, die überhaupt erst zur Entstehung des IS geführt haben.

Eine fortschrittliche und säkulare pankurdische Revolution mit libertär-sozialistischen Elementen, die die irakischen und syrischen Kurd*innen vereint und die türkischen und iranischen Kämpfe wiederbelebt, könnte immer noch eine mögliche Perspektive sein. In der Zwischenzeit schulden jene von uns, die der Idee der Zivilisation einen Wert beimessen, den Kurd*innen Dank. Sie bekämpfen Tag und Nacht die Dschihadisten des islamistischen Faschismus an den Fronten in Syrien und des Irak und verteidigen radikaldemokratische Werte mit ihren Leben.

Die Kurd*innen haben keine Freund*innen, außer den Bergen.“ (kurdisches Sprichwort)

Rafael Taylor ist ein libertärer Sozialist und selbständiger Journalist, der in Melbourne lebt. Er ist auch Moderator desFloodgates Of Anarchy“-Podcasts, Mitglied der ASF-IAA (Anarcho-Syndicalist Federation – Internationale ArbeiterInnen-Assoziation) und Vorsitzender der Left Libertarian Alliance Melbourne.

karte kurdistan

Bild: Aktuelle (von mir bearbeitete) Karte von Syrien und dem Irak. Die gelben Flächen in Nordsyrien werden von syrischen Kurd*innen kontrolliert, die grünen Flächen im Nordost-Irak werden von irakischen Kurd*innen kontrolliert. (Quelle: Wikimedia Commons).

Zum Weiterlesen:

  • Tatort Kurdistan (Herausgeber*in): Demokratische Autonomie in Nordkurdistan – Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis – Eine Erkundungsreise in den Süden der Türkei (ISBN 978-3-941012-60-8) oder online lesen.

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gǎi dào 改道 nr. 45 / anarchistisches treffen in japan https://nigra.noblogs.org/post/2014/09/06/gai-dao-%e6%94%b9%e9%81%93-nr-45-anarchistisches-treffen-in-japan/ Sat, 06 Sep 2014 10:42:46 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1385 Weiterlesen ]]> [am ersten september ist die aktuelle ausgabe der gǎi dào 改道 erschienen. der inhalt erstreckt sich von kuba über japan bis in den hambacher forst, von christlichem anarchismus über freien sperrmüll zur psychlogosierung des nationalismus. und das ist nur eine auswahl. also mal wieder ein umfangreiche, lesenswerte ausgabe. abonnieren könnt ihr die druckversion hier und online lesen hier.

von mir gibt es eine kleine übersetzung zum „treffen am sechsten august“ 2015 in japan, die ihr unten lesen könnt.]

Das „Treffen am Sechsten August“ in Hiroshima 2015

Die Vereinigung für Anarchistische Studien in Hiroschima entschied beim diesjährigen „Treffen am Sechsten August“, eine große Bandbreite von am Anarchismus interessierte Menschen aus Japan oder von außerhalb zum „Treffen am Sechsten August“ 2015 einzuladen. Der Grund ist der 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

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Die Gruppe für Anarchistische Studien Kansai, die diese Einladung begrüßt, hat entschieden, sich gemeinsam mit der Forschungsgruppe für Anarchismus Hiroshima an der Organisation des „Treffens am Sechsten August“ einzubringen. Sie richten ihre Einladung speziell an am Anarchismus interessierte Menschen, die nicht aus Japan kommen. Die Gruppe für Anarchistische Studien Kansai nimmt Anmeldungen zum „Treffen am Sechsten August“ 2015 entgegen. Falls du teilnehmen willst, kontaktiere uns bitte über unten stehende E-Mail-Adresse. Wir nehmen auch Anmeldungen von Gruppen oder Einzelpersonen entgegen, die sich vorstellen können, die Veranstaltung mit uns gemeinsam zu organisieren.

Und wir suchen Menschen, die Englisch in Japanisch und Japanisch in Englisch übersetzen können, die Menschen aus dem Ausland unterstützen können und die beim Aufbau des Veranstaltungsortes und bei anderen organisatorischen Aufgaben helfen wollen.

Wir suchen speziell Menschen, die in oder in der Gegend von Hiroschima leben und die sich während des kommenden Jahres mit Mitgliedern der Forschungsgruppe für Anarchismus Hiroshima unterhalten können. Falls du daran Interesse hast, melde dich bitte bei unten stehender E-Mail-Adresse.

Auch wenn das Programm für das Treffen noch nicht feststeht, planen wir ab dem Morgen bis zum Abend in der Innenstadt von Hiroschima eine Demonstration, ein Treffen mit Diskussionen und Vorträgen zur anarchistischen Bewegung in Japan und in der ganzen Welt.

Die Gruppe für Anarchistische Studien Kansai plant hauptsächlich Vorträge aus Sicht akademischer Forschung.

Wir suchen gesprochene Vorträge auf Japanisch und Englisch, die ca. 20 Minuten dauern. Die Themen sollten mit dem Sechsten August zu tun haben: z.B. Hiroschima und Anarchismus, Atomwaffen/Atomenergie und Anarchismus, Krieg und Frieden und Anarchismus.

Wir freuen uns auf eure Teilnahme. Lasst uns am Sechsten August 2015 in Hiroschima zusammenkommen.

Kontakt-E-Mail-Adresse: joh.most@gmail.com

Web: https://kansaianarchismstudies.blogspot.jp/

 

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antimilitarismus in russland: anarchist*innen in petrozavodsk von maskierten entführt und schwer misshandelt https://nigra.noblogs.org/post/2014/03/17/antimilitarismus-in-russland-anarchistinnen-in-petrozavodsk-von-maskierten-entfuehrt-und-schwer-misshandelt/ Mon, 17 Mar 2014 09:48:39 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1270 Weiterlesen ]]>

[diesen text habe ich aus dem englischen übersetzt.]

anarchist*innen aus fists_starpetrozavodsk, russland, wurden von unbekannten maskierten entführt und schwer verletzt.

anarchist*innen, organisator*innen der demonstration „gegen den krieg in der ukraine“ in petrozavodsk, russland, wurden von unbekannten maskierten entführt und schwer verletzt.

am neunten märz, während der traditionellen food not bombs aktion, sollte in petrozavodsk die demonstration „gegen den krieg in der ukraine“, für eine friedliche lösung der angespannten dortigen situation und um weiteres blutvergießen zu verhindern, stattfinden.

am abend des achten märz wurden zwei der organisator*innen der demonstration und einer ihrer freund*innen angegriffen. zwei autos kamen und ein dutzend maskierter griffen sofort an. sie schrien „ihr wollt verdammt nochmal unsere krim an die leute von bandera abgeben?“, „ihr werdet lernen, zu demonstrieren, ***“ und so weiter. nach einer schnellen aber technischen ausführung (?; d. übersetzer*in), stiegen die angreifer*innen in die autos und fuhren weg.

am nächsten morgen, eine halbe stunde vor der demo, während sie das haus nach dem kochen für food not bombs verließen, wurden erneut vier teilnehmer*innen der aktion und der demo von unbekannten maskierten angegriffen, geschlagen, in zwei autos gestoßen und weggefahren. wie später bekannt wurde, wurden sie in einen wald, 40 bis 45 kilometer von der stadt entfernt, gebracht. während der fahrt wurde ihnen von den angreifer*innen erzählt, dass sie ihr eigenen gräber ausheben werden. die ganze zeit über wurden sie geschlagen und misshandelt. nach der ankunft wurden die opfer einzeln an verschiedenen plätzen aus den autos geholt (jede*r wurde von drei bis vier maskierten begleitet und dann fuhr das auto eine strecke weiter), wieder geschlagen und misshandelt. es wurden polizeischlagstöcke und klarsichtfolie benutzt. die angreifer*innen drohten damit, sie zu verkrüppeln oder zu töten.

währendessen kamen einige unbekannte leute mit provozierenden zeichen, die nichts mit dem thema der demo zu tun hatten, zur demo, machten ein foto und verschwanden wieder. der misserfolg der demo war also geplant. teilnehmer*innen der veranstaltung, genauso wie andere aktivist*nnen, haben gute gründe, sich um ihre eigene sicherheit und die ihrer lieben sorgen zu machen.

bitte gebt diese information weiter.

(quelle: http://avtonom.org/en/news/anarchists-petrozavodsk-russia-were-kidnapped…)

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alexandra dukhanina: „da waren nur infame lügen und brutaler zwang“ https://nigra.noblogs.org/post/2014/02/06/alexandra-dukhanina-da-waren-nur-infame-luegen-und-brutaler-zwang/ Thu, 06 Feb 2014 11:43:11 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1246 Weiterlesen ]]> [dieser text ist eine übersetzung von mir aus dem englischen. den artikel findet ihr hier und hier. das russische original hier.]

abschließende stellungnahme in einem moskauer gericht am fünften februar 2014 der anarchistin alexandra dukhanina (naumova), angeklagt wegen gewalt gegen polizeibeamt*innen während einer kundgebung der opposition auf dem moskauer bolotnaya platz am sechsten mai, 2012.

alexandrazuerst dachte ich, dass dieser ganze fall eine art verrückter fehler und unsinn wäre. aber jetzt, nach dem anhören der reden der staatsanwält*innen und nachdem ich herausfand, was die haftbedingungen sind, die sie für uns alle fordern, realisierte ich, dass sie sich an uns allen rächen. sie rächen sich, weil wir dort gewesen sind und sahen, wie alles wirklich geschah. wer die zusammenstöße provozierte, wie die menschen geschlagen wurden, die ungerechtfertigte grausamkeit. sie rächen sich an uns, weil wir nicht klein beigeben und unsere nichtexistierende schuld eingestehen. nicht während den ermittlungen, noch während des prozesses. sie rächen sich auch, weil ich ihnen nicht bei ihren lügen half und mich weigerte auf ihre fragen zu antworten.

es muss eine gewichtige sache sein, derer ich mich schuldig gemacht habe. und sie ist es wert dafür mit sechs jahren in einer strafkolonie bestraft zu werden. es war niemand anderes einer solchen bestrafung wert, nur wir sind übrig: sie haben angst vor echten kriminellen, die fremden, die ihnen im weg standen, wurden eingesperrt und sie rühren ihre eigenen leute nicht an. es ist nun an ihnen, euer ehren, zu entscheiden, wie sie ihnen helfen können, auf kosten unserer schicksale glücklicher zu werden, wie sie neue posten, dienstgrade und auszeichnungen bekommen können.

aber, letzten endes, warum sechs jahre? was sind die „mindestens acht gezielten würfe“, die ich machte? woher kamen sie? auf wen habe ich gezielt und wen habe ich getroffen? acht verschiedene polizeibeamt*innen? oder acht mal die zwei polizeibeamt*innen, weswegen ich angeklagt wurde? falls das so ist, wie oft und welchen von ihnen? wo sind die antworten auf all diese fragen? letzten endes sollten sie zuerst mal detaillierte beschreibungen machen und beweise erbringen und nur dann einsperren – schließlich sind es sechs jahre lebenszeit. das ist gar nicht komisch. aber jetzt sieht es nicht mal wie eine lüge aus. es ist lügende demagogie ohne fakten, die mit den leben von menschen spielt. was wäre, wenn sie 188 videos hätten und nicht acht? würden sie dann behauptet haben, dass ich 188 mal geworfen hätte?

es sind zwei polizeibeamt*innen der omon (otryad mobilniy osobogo naznacheniya, eng. special purpose mobile unit, dt. mobile spezialeinheit; nigra) gegen die ich gewalt angewendet habe. sie haben sie gesehen. sie sind zwei- oder dreimal so groß wie ich und sie trugen körperprotektoren. eine*r von ihnen spürte gar nichts. der andere wurde nicht von mir verletzt und erhob keine klage gegen mich. ist das der massenaufstand und die gewalt für die ich sechs jahre ins gefängnis gehen soll?

oh, ich vergaß die kvass (russisches sodagetränk; nigra) – die flasche allein ist schon fünf jahre wert und acht gezielte würfe mögen das restliche jahr ergeben. jetzt, da sie mir das gesagt haben, kenne ich immerhin den preis von kvass. und können sie mir auch sagen wo mein massenlandfriedensbruch beginnt und endet und wo gewalt gegen polizist*innen beginnt? und was ist der unterschied zwischen diesen beiden dingen? ich habe irgendwie nicht richtig verstanden: welche brandstiftung? angriffe? zerstörung fremden eigentums? und wo bin ich bei all diesen dingen? was habe ich kaputt gemacht? was habe ich angezündet? was habe ich zerstört? mit wem habe ich eine verschwörung angezettelt? was beweist auch nur eines dieser dinge? kurz gefasst, ich bekomme vier jahre wegen artikel 212 [aus dem strafgesetzbuch der russischen föderation, bezogen auf massenunruhen], nur weil ich da war? also ist meine anwesenheit auf einer ursprünglich friedlichen kundgebung die massenunruhe, an der ich teilgenommen habe? da ist nichts außer eben das. schauen sie sich diese menschen an. sie sind keine mörder*innen, diebe oder betrüger*innen. uns alle einzusperren wäre nicht nur ungerecht, sondern erbärmlich.

viele menschen haben vorgeschlagen, dass ich gestehen und mich entschuldigen solle, dass ich sagen solle, was die ermittler*nnen hören wollten. aber ihr wisst, dass ich es nicht für geboten halte, mich bei diesen menschen zu entschuldigen. es ist die regel in diesem land, dass vollzugsbeamt*innen absolut unberührbar sind, obwohl es viele bekannte berichte über sie im zusammenhang mit schutzgelderpressungen und drogenhändler*innen, prostitution und vergewaltigung gibt. Erst kürzlich gab es einen solchen fall in der region lipetsk.

die inhalte der anklagen gegen uns sind nicht nur lächerlich, sie sind absurd und basieren nur auf aussagen von polizeibeamt*innen der omon. also, was haben wir hier, wenn eine person epauletten trägt? ist sie dann automatisch ehrlich und heilig?

euer ehren, in den acht monaten dieses verfahrens haben sie von der verteidigung genug beweise für unser aller unschuld erhalten. wenn sie uns nun in ein gefangenenlager schicken, werden sie leben und schicksale für nichts zerstöre! wollen die behörden so verzweifelt zeigen, wie wir bestraft werden, dass sie für solch eine tat bereit sind? beamt*nnen, vergewaltiger*nnen oder polizist*innen … [unverständlich] eine bewährungsstrafe zu geben ist normal: sie sind die unberührbaren, sie sind von eurer art. aber wir können im gefängnis dahinsiechen – wer sind wir schon, wir sind nicht einmal reich. aber aus irgendeinem grund bin ich sicher, dass ich sogar im gefängnis freier sein werde, als viele von ihnen, weil ich ein reines gewissen habe. und die, die in freiheit bleiben, die mit ihrer sogenannten verteidigung von ordnung und freiheit weiter machen, werden auf ewig in einem käfig mit ihren kompliz*innen leben.

ich kann meine fehler zugeben und falls ich durch die wahrheit und durch fakten überzeugt hätte werden können, dass ich etwas illegales getan habe, hätte ich das zugegeben. aber kein mensch hat jemals irgendetwas erklärt: da waren nur infame lügen und brutaler zwang. durch zwang können sie … [unverständlich]. und das wurde mir alles angetan. aber durch zwang und lügen kann nichts bewiesen werden. und kein mensch bewies meine schuld. ich bin mir sicher, dass ich im recht und unschuldig bin.

ich würde gerne mit einem zitat aus „zwiebelchen“ (orig. it. il romanzo di cipollino; nigra) von gianni rodari enden:

„-mein armer vater! du wurdest ins gefängnis gesteckt wie ein krimineller, mit dieben und banditen.
-was redest du da, sohn, – unterbrach ihn sein vater. – es sind viele ehrenhafte menschen im gefängnis!
-aber warum sind sie eingesperrt? was für böse dinge haben sie getan?
-genaugenommen gar nichts, sohn. darum wurden sie eingesperrt. prinz lemon mag keine anständigen menschen.
-im gefängnis zu sein ist eine große ehre?, fragte er.
-so scheint es nun zu sein. gefängnisse wurden gebaut für die, die stehlen und morden, aber unter prinz lemons herrschaft ist alles anders herum, diebe und mörder sind in seinem palast und ehrbare menschen sind im gefängnis.“

mehr über alexandra dukhanina:

alexandra dukhanina – eine anarchistin, eine aktivistin in der sozialen bewegung, verteidigerin des tsagovsky-waldes und eine teilnehmerin von occupy abai – wurde am 27. mai 2012 inhaftiert. sie wurde angeklagt anhand paragraf 212, absatz 2 des strafgesetzbuches der russischen föderation (bezogen auf unruhen) und paragraf 318, absatz 1 (gewalt gegen regierungsbeamt*innen) im zusammenhang mit geschehnissen auf dem bolotnaya platz am sechsten mai 2012. am 29. mai entließ richterin natalya dudar vom gericht im stadtteil basmanny/moskau in den hausarrest. anwalt dmitry efremov sagt, dass alexandra abstreitet, gewalttaten begangen zu haben und in dem videomaterial, auf dem die anklagen beruhen, ist nicht klar zu sehen, was von alexandra geworfen wird und gegen wen. die derzeitigen anschuldigungen können auf eine gefängnisstrafe von drei bis acht jahren hinauslaufen. (aus http://wiki.avtonom.org/en/index.php/Alexandra_Dukhanina)

 

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les flics en bresil https://nigra.noblogs.org/post/2014/02/03/les-flics-en-bresil/ Mon, 03 Feb 2014 10:44:55 +0000 http://nigra.noblogs.org/?p=1243 Weiterlesen ]]> die tage erschien die februarausgabe der gai dao. von zapatismus über science-fiction bis hin zu pjotr kropotkin findet ihr eine große bandbreite an interessanten themen. auch von mir gibt’s eine kleine übersetzung eines aufrufs der federation anarchiste „Nein zur Kooperation der Polizeien!“ und einen kurzen input „Grenzübergreifende Polizeiarbeit“.

diese könnt ihr hier lesen:

Nein zur Kooperation der Polizeien!
Lang lebe die internationale Solidariät!

28. November 2013

Ende 2013, nach den Demonstrationen, die einige Monate vorher stattgefunden hatten, ging die französische Polizei, die CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité; franz. für Sicherheitskompanien der Republik), nach Brasilien, um Polizeibeamt_innen des „Shock Battalions“ (Batalhão de Choque – BPCHq ) der Militärpolizei von Rio de Janeiro zu trainieren.

Der Zweck des Austausches zwischen den beiden Polizeikräften war der Informationsaustausch darüber, wie auf Riots und Vandalismus zu reagieren ist und wie gewalttätige Gruppen und Plünderungen zu kontrollieren sind im Hinblick auf Veranstaltungen, die während der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2014 und den Olympischen Spielen 2016 stattfinden werden.

Die französische Polizei scheint darauf spezialisiert zu sein, mit Protestdemonstrationen fertig zu werden und Menschenmengen zu kontrollieren.

Die französische Regierung hat schon in der Vergangenheit ihre Eile gezeigt, repressive und militärische Hilfe zu bringen:

  •  Während der „Operatin Condor“, die in einer präventiven Gegenrevolution zugunsten der südamerikanischen Diktatoren in den 1970er Jahren bestand, wurden tausende von politischen Gegner_innen ermordet oder sie verschwanden.
  • Die französische Polizei brachte ihre im Algerienkrieg erworbene „Erfahrung“ (Folter, Techniken der Gegenguerilla, Nachbarschaftskontrolle) ein. Ein Resultat davon waren insbesondere die Aktivitäten der „Todesschwadronen“
  • In jüngster Zeit, zu Beginn der Revolution in Tunsien, bot die französische Regierung ihre Dienste an, um zu intervenieren und dem Regime bei der Unterdrückung der Protestbewegung zur Hand zu gehen. Frankreich hat auch Polizeiausrüstung an Ben Ali geschickt.
  • 2010 intervenierte Frankreich mit Ordnungskräften der öffentlichen Gewalt und der Staatssicherheit in Ägypten, um ihnen „Crowd Management bei Großveranstaltungen“ zu lehren.
  • Ganz zu schweigen vom militärischen Eingreifen in Afrika und anderswo…

Polizeistaaten werden alles tun, um die Protestbewegungen zu ersticken, die in Brasilien, Mexiko, Nordafrika und anderswo entstehen.

In Brasilien prallen die Geldsummen, die für die riesigen Projekte der Weltmeisterschaft aufgewendet werden, mit der Wirklichkeit einer Bevölkerung zusammen, die für ihre Rechte, für größere Gleichheit und soziale Gerechtigkeit kämpft.

Unsere Antwort muss die Errichtung wirklicher Solidarität sein, um der Repression durch die Polizei, dem Elend und der Ausbeutung zu begegnen.

Wir verurteilen auf das Schärfste diese repressive Politik und laden alle libertären Organisationen ein, sich den Protestbewegungen anzuschließen, um ihnen Unterstützung und logistische und technische Hilfe anzubieten, über ihre Aktionen zu berichten und Netzwerke der Solidarität gegen Polizeirepression zu gründen, zusammen mit der Internationalen der anarchistischen Föderationen (ifa@federation-anarchiste.org).

deutsche bullen flics francaises 2009grenzübergreifende polizeiarbeit

nicht nur der französische und der brasilianische staat arbeiten auf polizeilicher ebene zusammen. seit jahren nehmen gemeinsame ermittlungen, datenaustausch und einsätze zu. zunächst beschränkt auf die bekämpfung von terrorismus, internationaler (drogen-) kriminalität und von fußballrandale bei internationalen spielen, hat sich der handlungsraum schnell auf migration und die sozialen bewegungen ausgeweitet.

es wird die ganze bandbreite an repressionsmethoden angewandt: uniformierte polizeitruppen, zivilbeamt*innen, beobachter*innen, undercoverpolizist*innen und internetspezialist*innen.

so ist es innerhalb der eu gängig, dass in grenzgebieten die jeweiligen polizeien gemeinsam auf streife gehen, ermitteln und daten austauschen.

bei demonstrationen kommt es immer wieder vor, dass polizist*innen der nachbarländer mit beobachtender funktion anwesend sind, z.b. im dreiländereck deutschland-frankreich-schweiz.

besonders intensiv war die zusammenarbeit zwischen frankreich und deutschland während des nato-gipfels 2009. hier wurden nicht nur informationen ausgetauscht, sondern auch wasserwerfer und manpower. grundlage dafür ist der prümer vertrag von 2005.

die uniformierten einheiten sind beim einsatz leicht zu erkennen und einzuordnen. schwerer bis unmöglich ist dies bei spitzel*innen.

2010 wurde der britische undercoverpolizist mark kennedy, bzw. stone,enttarnt: über viele jahre war er mit dem wissen der jeweiligen staaten, international im einsatz und hat die weltweite radikale linke ausspioniert.

viele weitere international tätige undercoverpolizist*innen wurden seither enttarnt und ihre internationale tätigkeit aufgedeckt. aber immer noch gehört diese mieseste aller polizeiarbeiten zur gängigen praxis.

begegnen sich hier zwei oder mehrere staaten auf „augenhöhe“, sieht es beim beispiel frankreich/brasilien anders aus: repressive entwicklungshilfe könnte mensch dies nennen. einer der mächtigsten westlichen industriestaaten gibt den behörden eines „schwellenlandes“ nachhilfe in demokratischer unterdrückung von protest und widerstand. crowdcontrol als exportgut. und auch hier mischt deutschland seit 1989 vorne mit: deutsche polizist*innen bilden z.b. im rahmen der eupol afghanistan mission seit 2002 afghanische polizist*innen aus. hier geht es nicht nur um die reine ausbildung, sondern um taktiktraining, grenzsicherung, aufbau von infrastruktur und übergabe von ausstattungsmaterial. auch in der türkei werden polizist*innen von den deutschen behörden ausgebildet.

so wird auf internationaler ebene, auch auf öffentlichen kongressen, das know-how staatlicher repressionsmethoden entwickelt und ausgetauscht. ziel ist dabei immer mehr, flüchtlingsbewegungen und revolutionäre entwicklungen frühzeitig zu erkennen, zu kanalisieren oder ganz im keim zu ersticken.

links zum weiterlesen:

 

 

 

 

 

 

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